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Warum es Privatsphäre im Netz nach wie vor gibt und warum sie wichtig ist

Heute morgen las ich auf Twitter einen Tweet von Klaus Eck, seines Zeichens Kommunikationsberater, bei dem sich mir der Magen umdrehte und der mich zu diesem Blogpost veranlaßte. Herr Eck twitterte:

@klauseck am Samstag referiere ich, warum man sich von der Privatsphäre verabschieden sollte #eck http://ow.ly/Z9PC #web.in.bewegung.

Er schreibt dazu in seiner Vortragsankündigung:

“Abschied von der Privatsphäre ohne Wehmut

[...]

Nutzen Sie die persönliche Glaubwürdigkeit und Kompetenz Ihrer Kollegen auch online! In der Keynote von Klaus Eck erfahren Sie, wie Sie Ihre Personen- und Unternehmensmarke am besten im im Web vermarkten können und warum es keine Privatheit mehr im Netz gibt.”

In das gleiche Horn stößt der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der Privatsphäre für nicht mehr zeitgemäß hält.

Beide Aussagen sind Ausdruck einer “Post-Privacy-Bewegung”, die die These formuliert, daß es im Netz keine Privatsphäre mehr gebe. Als Begründung wird oft genannt, man müsse seine Privatsphäre aufgeben, wenn man an den Möglichkeiten und Chancen der Social-Media-Welt noch intensiver teilhaben und sich oder sein Unternehmen noch besser vermarkten wolle. Zuckerberg behauptet sogar, daß man damit nur einen “gesellschaftlichen Wandel” nachvollziehe.

Ich sehe diese Bewegung mit sehr großer Sorge und möchte ihrer These vom Ende der Privatheit an dieser Stelle vehement widersprechen.

Ohne Frage: Auch ich benutze Social Media, insbesondere Twitter und Xing, bin dort auch aktiv und habe durchaus auch Erfolg damit. Aber dennoch lege ich großen Wert auf meine Privatsphäre. Ich bestimme selbst, was ich ins Netz stelle und was nicht. Ich kann mir das als Selbständiger auch erlauben. Aber wenn ich mir die Aussagen der “Post-Privacy-Bewegung” anschaue, befürchte ich, daß Unternehmen zukünftig von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verlangen könnten, ihre Privatsphäre im Netz zumindest teilweise aufzugeben, um die Vermarktung des Unternehmens zu fördern.

Dazu darf es nicht kommen. Das Recht auf Privatsphäre auch im Netz findet Ausdruck durch die Grundrechte auf informationelle Selbstbestimmung sowie auf Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme. Gegenüber dem Staat verteidigen wir gerade diese Grundrechte mit Klauen und Zähnen. Die über 130.000 Unterstützerinnen und Unterstützer der Petition von Franziska Heine gegen Websperren, die fast 35.000 Klägerinnen und Kläger gegen die Vorratsdatenspeicherung, die Verfassungsklagen gegen die das BKA-Gesetz und andere Protestbewegungen gegen staatliche Eingriffe in die Privatsphäre strafen Mark Zuckerberg zumindest für Deutschland Lügen. Mitnichten geht hier der gesellschaftliche Wandel dahin, daß Menschen bereit sind, ihre Privatsphäre im Netz gänzlich aufzugeben. Im Gegenteil: Die Gesellschaft kämpft in Deutschland und in anderen Ländern um das Recht auf Privatsphäre.

Natürlich beobachte auch ich, daß sich der Umgang mit Privatheit im Netz durch soziale Netzwerke gewandelt hat. Und manche Entwicklung betrachte ich mit großer Sorge. Insbesondere, aber nicht nur Jugendliche stellen völlig unreflektiert für alle Welt sichtbar intimste Details aus ihrem Leben ins Netz, die sie nie wieder löschen können und die ihnen noch Jahre später, etwa bei Bewerbungen, auf die Füße fallen können. Aber anstatt, wie Zuckerberg und die “Post-Privacy-Bewegung”, diese Entwicklung als normalen gesellschaftlichen Wandel anzusehen, müssen solche Dinge als Defizit erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden. In Schulen muß die Vermittlung von Medienkompetenz endlich in den regulären Unterricht integriert werden, und das möglichst schon in der Grundschule.

Das Gleiche gilt im Unternehmensbereich. Dort muß das Bewußtsein gestärkt werden, daß die Privatsphäre von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kein Kapital ist, das man in die Vermarktung des Unternehmens stecken kann, anstatt, wie Herr Eck, Unternehmern zu erzählen, daß es keine Privatheit mehr gebe und sie damit praktisch dazu aufzufordern, von ihren Angestellten die Aufgabe ihrer Privatsphäre zu verlangen. Das geht in meinen Augen nicht ohne neue gesetzliche Regelungen. Wir brauchen endlich ein zeitgemäßes Arbeitnehmerdatenschutzgesetz, das Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch davor schützt, dem Zwang ausgesetzt zu sein, zum “Wohle des Unternehmens” gänzlich auf Privatsphäre in sozialen Netzwerken zu verzichten.

Denn Privatsphäre wird es immer geben, und sie wird immer wichtig bleiben!

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