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Nebelschwaden zogen über die Kaimauer, als ich durch den Hafen ging. Es war ein kalter, grauer Herbstnachmittag gegen vier Uhr, und mich fröstelte. Warum Melvin mich ausgerechnet an diesem unwirtlichen Tag hierher bestellt hatte, war mir ebenso undurchsichtig wie die Nebelschleier, die mich umgaben.

Micheál Melvin war mein Geschäftspartner. Vor nun fast 5 Jahren hatten wir uns kennengelernt, und da wir ähnliche Vorstellungen von Geschäften hatten, beschlossen wir alsbald, uns zusammenzutun. So entstand die Melvin & Carter An Ealaín Teo, ein sehr umtriebiger Kunsthandel. Wir waren schnell sehr erfolgreich. Die Zusamenarbeit mit Melvin verlief immer reibungslos, und auch privat pflegten wir ein freundschaftliches Verhältnis. Daher dachte ich, er wolle etwas Privates mit mir besprechen. Doch weit gefehlt.

Kurz nach vier erschien Melvin am Kai. Er sah irgendwie seltsam aus. Er war schon immer ein eher blasser Typ. Aber heute erschien mir sein Gesicht aschfahl.

„Bist du krank? Du siehst so blass aus.“, fragte ich ihn.

„Nein, mir geht es gut. Der Grund, warum ich dich sehen wollte, ist ein anderer. Ich werde Irland verlassen müssen. Für immer. Daher möchte ich dir die Firma komplett überlassen. Bitte frag nicht, warum ich das tue. Ich muss es tun, und ich werde auch nicht mehr zurückkommen. Ich wollte dich sehen, um dir alle notwendigen Papiere zu überreichen. Es ist alles unterschrieben. Du brauchst mich also nicht mehr, um die Firma zu übernehmen.“

Wortlos drückte er mir einen Stapel Papiere in die Hand. Sein Blick war dabei starr, und seine Augen kamen mir hohl und leer vor.

„Aber…“

„Bitte stell keine Fragen. Du würdest die Antwort nicht verstehen. Dieses Land, diese Welt ist nicht mehr die meine. Aber glaub mir, dort, wo ich hingehe, wird es mir gut gehen. Und wir werden uns wiedersehen. Wann, kann ich dir nicht sagen, aber eines fernen Tages wird es soweit sein. Das verspreche ich dir.“

Traurig senkte ich den Kopf und starrte auf die Mappe mit den Papieren. Ich verstand Melvin nicht. Wir waren ein einzigartiges Team, und ich hatte immer gedacht, dass uns nichts und niemand trennen könnte.

Ich wollte gerade wieder zu ihm aufblicken, um ihn doch zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte, als ich bemerkte, dass er verschwunden war. Melvin war offenbar einfach gegangen. Nun war ich nicht mehr traurig, sondern verärgert. Wie konnte er einfach wortlos gehen, ohne sich von mir zu verabschieden? Bedeuteten ihm die letzten fünf Jahre unserer geschäftlichen Partnerschaft und vor allem unserer Freundschaft gar nichts mehr? Sichtlich verstimmt machte ich mich auf den Heimweg. Der Nebel war nun sehr viel dichter geworden. Er schien mir so undurchsichtig wie die Gedanken, die in meinem Kopf hämmerten. Ich verstand einfach nicht, warum er das getan hatte.

Auch den ganzen Abend ließ mich dieses Erlebnis nicht los, und ich musste immer wieder darüber nachdenken, ob ich vielleicht etwas falsch gemacht hatte, was ihn verärgert hatte. Da ich jedoch zu keinem Ergebnis kam und es schon spät war, fiel ich endlich in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Morgen versuchte ich noch einmal, Melvin telefonisch zu erreichen, um die Angelegenheit doch noch mit ihm zu klären. Aber es ging niemand ran. Also nahm ich die Papiere, die er mir gegeben hatte, und ging damit zum Gericht, um die Übertragung der Firma auf mich abzuschließen. Es war kalt, und der Nebel wollte sich auch heute nicht so recht auflösen. Auf dem Weg klingelte mein Handy. Der Anruf kam von Deirdre, Melvins bester Freundin. Sie waren kein Paar, aber sie war neben mir die einzige Person, die Melvin hatte. Ich hörte sofort an ihrer Stimme, dass etwas nicht stimmte.

„Endlich erreiche ich dich! Mícheál ist tot!“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

Mir fehlten die Worte. Melvin war tot! Tausend Gedanken schossen mir in diesem Moment durch den Kopf. Hatte er sich etwa das Leben genommen? Sein leerer Blick und sein fahles Gesicht bei unserem letzten Treffen deuteten schließlich darauf hin, dass es ihm nicht gut ging. Ich begann, mir Vorwürfe zu machen. Eilig fragte ich Deirdre, was passiert war.

„Er kam gestern gegen 14 Uhr am Nachmittag mit seinem Wagen von der Straße ab und stürzte in der Nähe des Hafens ins Meer. Er konnte noch lebend geborgen werden, verstarb aber kurz nach 16 Uhr im Krankenhaus. Offenbar haben die Bremsen versagt. Er war auf dem Weg zur Inspektion, weil er schon länger gemerkt hatte, dass die Bremsen nicht in Ordnung waren.“

In der Nähe des Hafens! Melvin musste also kurz nach unserem Treffen verunglückt sein! Nun war ich mir sicher, dass er sich das Leben nehmen und vorher noch alles regeln wollte. Seine leeren Augen hatten mich nicht getäuscht. Und deswegen war er auch wortlos gegangen.

Ich setzte mich auf eine Bank, schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Warum habe ich ihn nicht aufgehalten? Warum habe ich ihn nicht gefragt, ob er Hilfe braucht? Ich fühlte mich schuldig an seinem Tod. Meine Tränen verwischten seine Unterschrift auf einem der Dokumente. Aber das würde ich nun ohnehin nicht mehr brauchen. Ich entschloss mich, unsere Firma Melvin & Carter An Ealaín Teo aufzulösen. Ein schwerer Nebel lag auf der Stadt und auf meinem Gemüt, als ich das Gericht betrat.

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