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Derzeit macht auf Twitter eine große Diskussion von sich reden, bei der überwiegend Frauen unter dem Hashtag #Aufschrei ihre Erlebnisse mit Sexismus und sexuellen Übergriffen erzählen. Auch die Medien berichten mittlerweile darüber. Ziel ist es unter anderem, ein Problembewusstsein für Grenzüberschreitungen zu schaffen, das sicherlich vor allem bei Männern oftmals nicht vorhanden ist.

Ich finde diese Diskussion durchaus richtig und wichtig. Aber mir geht sie eigentlich nicht weit genug. Denn sie umfasst nur eine Art von Vorfällen, die es in anderer Form in unserer Gesellschaft sehr häufig gibt, ohne dass darüber großartig nachgedacht wird, die aber alle zentrale Punkte gemeinsam haben, gegen die sich eine aufgeklärte Gesellschaft eigentlich ganz generell und nicht nur im Falle von Sexismus stellen sollte.

So erlebe ich als Rollstuhlfaher nur allzu oft Dinge, die für mich massive Grenzüberschreitungen darstellen, die aber oftmals gar nicht ernst genommen oder gar gerechtfertigt werden. Ich möchte exemplarisch zwei von unzähligen Geschichten erzählen, die mir widerfahren sind.

So wollte ich eines Tages in einen Bus einsteigen. Bei uns wird zu diesem Zweck eine Rampe heruntergelassen, auf die ich dann mit dem Rollstuhl rückwärts rauffahren kann. Normalerweise stellt das kein Problem dar, so auch hier. Trotzdem meinte ein Mann, mir ungefragt „helfen“ zu müssen. Allein das ist für mich schon eine Grenzüberschreitung, weil ich großen Wert darauf lege, als selbstbestimmte Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, und zunächst gefragt werden möchte, ob ich überhaupt Hilfe brauche und wie man mir helfen kann, ehe man mich irgendwohin zieht oder schiebt. Selbst mit diesem Wunsch stoße ich schon sehr oft nur auf Unverständnis. Aber dazu gleich mehr.

Nun stellte sich der Mensch während seiner „Hilfsaktion“ nicht sonderlich geschickt an, und auch Bitten, es zu lassen, fruchteten nichts. Das Ganze endete damit, dass er mir, um mich auf die Rampe zu schieben, kräftig zwischen die Beine griff. Jeglichen Protest hatte ich mittlerweile aufgegeben, und auch zu dieser Aktion sagte ich dann nichts mehr, auch wenn mir das sehr unangenehm war, weil ich nur noch weg wollte. Aber ich hatte in diesem Moment keinen Nerv mehr für langatmige Diskussionen. Diese Resignation wird offenbar auch von vielen Opfern sexueller Übergriffe berichtet.

Eine andere Situation, die mir sogar regelmäßig widerfährt, besteht darin, dass mir völlig unbekannte Menschen immer wieder ungefragt beginnen, meinen Rollstuhl zu schieben. Das stellt vor allem deswegen oft einen kompletten Kontrollverlust dar, weil die betreffenden Personen meist von hinten kommen, ich sie deshalb nicht sehe und nur merke, dass jemand meinen Rollstuhl bewegt. Wenn ich mich dagegen wehre, stoße ich in den meisten Fällen auf Unverständnis. Man wollte doch nur helfen, heißt es meistens, und ich solle mich nicht so anstellen, es sei doch nur gut gemeint gewesen – übrigens oft auch von anwesenden nicht direkt Beteiligten.

Worauf ich hinaus will: Diese beiden Situationen, die exemplarisch für zahlreiche ähnliche Erfahrungen stehen, haben in meinen Augen eine große Ähnlichkeit mit den Erfahrungen, um die es bei #Aufschrei geht. Es handelt sich in beiden Fällen um massive Grenzüberschreitungen, die für Betroffene oft zusätzlich mit Kontrollverlust verbunden sind. Dass bei meinen Erlebnissen in der Regel keine sexistische oder sexuelle Motivation dahintersteckt, halte ich für zweitrangig, zumal es, wie im ersten Beispiel, durchaus Situationen gab, die für mich auch eine solche Komponente hatten, auch wenn die andere Person sicher nicht diese Absicht hatte. Auch das kommt zwischen Männern und Frauen sicher durchaus nicht selten vor.

Eine weitere Gemeinsamkeit sehe ich darin, dass die Betroffenen oft nicht ernst genommen werden oder auf Unverständnis stoßen. So, wie sexistische Bemerkungen oder Handlungen gegenüber Frauen oftmals heruntergespielt werden, so wird mir in den geschilderten Situationen meist vorgeworfen, dass ich undankbar sei und man mir – wie oben bereits angedeutet – doch nur helfen wolle. Natürlich gibt es auch Menschen, die mich verstehen, wenn ich ihnen erkläre, dass das, was sie getan haben, eine Grenzüberschreitung und einen Kontrollverlust darstellt, aber das ist erfahrungsgemäß leider eher die Minderheit. Am ehesten werde ich übrigens verstanden, wenn ich – dann meist Männer – frage „Würden Sie auch eine laufende Frau auf offener Straße einfach so irgendwohin zerren?“. Dieser Vergleich scheint wenigstens zum Nachdenken anzuregen.

Ich kann mir vorstellen, dass sicher auch andere Menschen aus anderen Gruppen Dinge erzählen können, die den im Rahmen von #Aufschrei geschilderten Erlebnissen in den genannten Punkten Grenzüberschreitung, Kontrollverlust und Bagatellisierung oder Rechtfertigung des Geschehens ähneln. Und auch die oben erwähnte gelegentliche Resignation ob solcher Vorfälle dürfte Betroffenen aus anderen Gruppen ebenfalls bekannt sein.

Worauf ich hinaus will: Anstatt diese Dinge jetzt nur im Kontext von Sexismus zu diskutieren, brauchen wir doch vielmehr eine breite gesellschaftliche Diskussion mit dem Ziel, die Autonomie und Selbstbestimmtheit eines jeden Menschen zu stärken und zu gewährleisten. Und da sind wir alle gefragt, Männer, Frauen, Menschen mit Behinderungen, Menschen ohne Behinderungen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen ohne Migrationshintergrund, Schwule, Lesben, Heteros – einfach alle. Wir müssen auch alle miteinander kommunizieren, Betroffene wie „betroffen Machende“ gleichsam. Betroffene müssen manchmal auch klar kommunizieren, wenn etwas nicht ok ist – wobei es natürlich klare Fälle gibt, bei denen man nicht kommunizieren muss, dass das jetzt nicht ok war. Und „betroffen Machende“ müssen zuhören, aber auch eigenständig denken und handeln. Denn ich glaube, wenn sich jeder von uns vor dem eigenen Handeln fragen würde „Achte ich mit dem, was ich tue und sage, denn auch die Grenzen und das Selbstbestimmungsrecht meines Gegenübers?“, wäre schon viel gewonnen. Was meint ihr?

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4 Kommentare auf “Noch mehr #Aufschrei”

  1. […] Tagen verhalten. Geschlechterforscherin Katja Sabisch bringt meine Meinung auf den Punkt. Und auch Alexander Schestags Meinung möchte ich hiermit teilen, auch wenn er es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Aber der […]

  2. […] « Noch mehr #Aufschrei […]

  3. […] ein “ansprechendes Auftreten” gefordert sei. Na, wenn dieses Ansinnen mal nicht einen #Aufschrei wert ist. Was meint […]

  4. […] Anmerkung: Alex Schestag weist zurecht auf die systematische Diskriminierung anderer, etwa Behinderter, hin, die für ihn auch Grund zum Aufsachrei ist: “Noch mehr #Aufschrei” […]

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