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Heute möchte ich mal ein paar Gedanken zu einer Sache loswerden, die mir als Mensch, der sich mit einem Rollstuhl fortbewegt, recht häufig passiert: Ich werde oft zum Objekt der Versachlichung.

„Wie ist das denn gemeint?“, werdet ihr euch jetzt sicher fragen. Nun, ganz einfach. Man setzt mich mit der Sache gleich, mit der ich mich fortbewege, mit meinem Rollstuhl. Besonders beliebt ist diese Versachlichung meiner Person im ÖPNV und bei der Deutschen Bahn, aber nicht nur dort. Ich möchte das an einigen Beispielen verdeutlichen.

Ich finde es ohne Frage wirklich nett, wenn ein Busfahrer einsteigewillige Menschen darauf aufmerksam macht, dass ich vorher noch aussteigen möchte. Aber dass das meist mit den Worten geschieht „Da kommt noch ein Rollstuhl!“, empfinde ich als unangemessene Versachlichung meiner selbst. Ebenso bei der Deutschen Bahn. Die Menschen, die dort die Einsteigehilfe übernehmen, sind in der Regel sehr freundlich. Dennoch finde ich es nicht schön, wenn sie in meiner Anwesenheit von mir als „Rollstuhl“ reden, der „eingeladen“ oder „ausgeladen“ werden muss.

Besonders unschön wird es, um noch ein Beispiel zu nennen, das nicht mit der Bahn oder mit dem ÖPNV zu tun hat, wenn Eltern ihren Kindern erzählen, dass die Rampe am Bus dazu da sei, „den Rollstuhl rauszulassen“, während ich gerade aussteige, wie ich es neulich erst erlebt habe. So lernen Kinder früh, Rollstuhlfahrer nicht als Menschen wahrzunehmen, sondern primär auf den Rollstuhl zu schauen. Und das ist in meinen Augen der falsche Weg. Das führt dann im Erwachsenenalter vielleicht auch zu den Grenzüberschreitungen, die ich an anderer Stelle geschildert habe, weil Menschen nicht gelernt haben, Rollstuhlfahrer als autonome selbstbestimmte Menschen wahrzunehmen.

Ich gebe offen zu, diese Versachlichungen verletzen mich immer wieder. Manchmal bleibe ich gelassen und frage mit einem Augenzwinkern: „Darf ich mit raus, oder wollen Sie nur den Rollstuhl ausladen?“. Manchmal spreche ich die betreffenden Personen ruhig darauf an und bitte sie um eine andere Wortwahl. Ja, und manchmal reagiere ich auch unwirsch. Ich gebe zu, dass es mir nicht immer gelingt, souverän damit umzugehen.

Was mich aber oft noch mehr stört und auch verletzt als die Versachlichung meiner Person selbst, sind die Reaktionen der Menschen auch auf höfliche Bitten, sich einer anderen Wortwahl zu bedienen. Selbst wenn ich nicht unwirsch darauf reagiere, ernte ich meist Unverständnis. Bei der Deutschen Bahn heißt es dann meistens, das sei eben der interne Sprachgebrauch, nicht selten verbunden mit dem Rat, ich solle mich nicht so anstellen, man würde mir ja schließlich helfen. Dass damit eine weitere Versachlichung einhergeht, wird meist nicht bemerkt. Ich werde in dem Moment nicht nur zum Rollstuhl, den man in den Zug einlädt, sondern auch zum reinen hilfebedürftigen Objekt versachlicht. Deutlicher kann man kaum machen, dass ich in dem Moment nicht das bin, was ich eigentlich sein möchte und sein sollte, nämlich ein Fahrgast und Kunde wie jeder andere auch.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich erwarte keine sprachlichen Verkünstelungen. Ob ihr mich jetzt Mensch im Rollstuhl oder Rollstuhlfahrer nennt, ist mir egal. Aber ich bin kein Rollstuhl. Diese Versachlichung ist nicht nur verletzend, sondern auch sachlich falsch.

Ich weiß ja nun nicht, wer diesen Beitrag liest, ob er überhaupt gelesen wird. Aber ich hoffe, dass es vielleicht doch der ein oder andere tut und sich meine Worte vielleicht sogar ein wenig zu Herzen nimmt. Und vielleicht ist ja sogar auch jemand dabei, der im ÖPNV oder bei der Deutschen Bahn arbeitet und der über das, was ich hier geschrieben habe, ein bisschen ins Grübeln gerät. Das würde mich besonders freuen.

Und wenn ihr eigene Gedanken zu dem Gesagten habt, dann würde ich mich auch über Kommentare freuen. Ja, auch dann, wenn ihr anderer Meinung seid. Ich bin sehr dafür, Diskussionen und Auseinandersetzungen zu versachlichen, um sie vielleicht auch zu vermenschlichen. Nur Menschen sollte man nicht versachlichen.

Update vom 18. 04. 2013: Malte Hübner zeigt in seinem Blog eine weitere Form der Versachlichung grafischer Art bei der Bahn, die mir so offen gestanden noch nicht bewusst geworden ist. Das Symbol für Rollstuhlfahrer und für Kinderwagen hat bei der Bahn dieselbe Farbe wie die Gepäckstücke und nicht wie die Piktogramme der Frau und des Mannes. Dies ist freilich eine wesentlich subtilere Form der Versachlichung, die aber auch Bände spricht. Danke für den Hinweis, Malte!

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16 Kommentare auf “Versachlichungen”

  1. Henning sagt:

    Hm, hab da gerade drüber nachgedacht und weiß nicht, was ich bislang in solchen Situationen gesagt habe. Viel häufiger erlebe ich Situationen mit einem Kinderwagen und da heißt es dann auch meist nur: „Da kommt noch ein Kinderwagen.“ oder sowas. Findest du das auch diskriminierend? Da ist ja auch ein Kind drin und ein Elternteil (o.ä.) steuert den Kinderwagen.

    Ich denke, es wird vor allem auf den Kinderwagen oder den Rollstuhl abgezielt, weil der ein anderes Verhalten (z.B. Rampe ausfahren) nötig macht und nicht der Fahrer/Insasse oder was auch immer. Auch bei einem Fahrradfahrer wird mit Sicherheit oft gesagt „Da kommt noch ein Fahrrad.“

  2. Alex Schestag sagt:

    Ich finde das bei einem Kinderwagen auch nicht schön, nein. Bei Fahrradfahrern erlebe ich das eher selten. Wenn z. B. ein Fahrradfahrer unerlaubt mit seinem Fahrrad in den Bus einsteigt, sagt der Fahrer nie „Das Fahrrad möge bitte wieder aussteigen“, sondern „Der Mann (die Frau) mit dem Fahrrad möge bitte wieder aussteigen“. Das wird schon völlig anders gehandhabt.

  3. Henning sagt:

    Ja, in dem Fall, wo er wieder aussteigen soll, hast du sicher recht. Aber wenn du aussteigen solltest, wäre sicher auch die Rede vom Rollstuhlfahrer. Ich meinte eher das von dir angesprochene Beispiel „Da kommt noch ein Rollstuhl!“. Das lässt sich meiner Meinung nach eins zu eins auf Kinderwägen oder Fahrräder übertragen. Die besondere Situation entsteht in allen diesen Fällen durch das „Gefährt“ – entsprechend wird darauf Bezug genommen.

    Was anderes wäre es natürlich, wenn in einem Café der Kellner fragen würde, was der Rollstuhl trinken möchte. Das wäre völlig daneben!

  4. Alex Schestag sagt:

    Nein, Henning, wenn ich aussteige, wird eben vom Rollstuhl gesprochen. „Bitte noch nicht einsteigen, da kommt noch ein Rollstuhl!“.

  5. […] Gedankennebel: Versachlichungen (via […]

  6. Henning sagt:

    Ich glaube, wir reden aneinander vorbei. Ich meinte, der Fahrer hätte sicher nicht „den Rollstuhl“, sondern „den Rollstuhlfahrer“ hinausgebeten. In einer Situation, wo es etwas besonderes zu beachten gilt, weil eine Situation sich dadurch verändert, sprechen wir meiner Erfahrung nach meist von dem, das die Situation verändert – da kommt ein Fahrrad, da kommt ein Kinderwagen, da kommt ein Auto, da kommt ein Rollstuhl. Es geht in dem Moment gar nicht um die Person. Schließlich könnte dieselbe Person ja in den meisten Fällen auch anders kommen. Wichtig wird der Hinweis durch das Gefährt.

    Ist nur ein Erklärungsversuch, der vielleicht hilft, das anders einzuordnen.

  7. Alex Schestag sagt:

    In dem einen Fall mag das vielleicht noch hinhauen. Aber wie ist das mit dem Rollstuhl einladen bei der Bahn?

  8. Oliver sagt:

    Ich kann Dich verstehen, dass Du nicht auf Deinen Rollstuhl reduziert werden willst. Wie es immer so ist, wenn sich Wörter eingeschliffen haben, ist es schwer sie wieder loszuwerden, egal ob es Rollstuhl oder Rolli ist.

    Vielleicht ist es die Kürze oder vielmehr die unbewusste Art diese Wörter zu verwenden, die dadurch ein Umdenken erschweren. Ich verwende lieber den Begriff ‚Rollifahrer‘, weil er meiner Meinung nach am positivsten klingt.

    Ich kann natürlich Kollegen darauf hinweisen, dass sie den Rollifahrer als Person ansprechen sollen und nicht als Sache, sowie bewusster zwischen den Begriffen zu unterscheiden.

  9. Alex Schestag sagt:

    Ja, dass das schwer ist, das wieder loszuwerden, versteh ich auch. Ich finde „Rollifahrer“ auch ziemlich positiv. Hat was Lockeres. 😉 Es wäre toll, wenn du Kollegen ab und an darauf hinweisen könntest, wenn dir sowas auffällt.

  10. Christian sagt:

    Sehe ich eigentlich ähnlich wie Henning. Ich würde sogar noch einen kleinen Schritt weiter gehen.

    „Da kommt noch ein Rollstuhl“ impliziert doch „Da kommt noch ein Teil (Rollstuhl, Kinderwagen, …), das nervt, weil es Zusatzaufwand bedeutet“

    Aber was verursacht den Zusatzaufwand? Der Mensch darin, oder das (nötige) Hilfsmittel? Das Hilfsmittel! Und deswegen finde ich die Versachlichung durchaus OK. Dem Mensch darin hilft man gerne, aber das Teil, das nervt eben. Der Rollstuhlfahrer ist ein normaler Mensch, den muss man nicht besonders erwähnen. Von daher möchte ich dir sogar explizit wiedersprechen: Du BIST ein Kunde wie jeder andere, was Aufwand verursacht ist nur die Sache.

  11. Alex Schestag sagt:

    Die Interpretation ist krude und weit hergeholt. Denn ohne mich darin würde der Rollstuhl auch niemanden nerven. Und ganz ehrlich: Allein schon zum Ausdruck zu bringen, dass das nervt, ist schon daneben. Denn was hier, glaube ich, nicht wirklich verstanden wird, ist, dass es bei der Angelegenheit zu einer Wechselwirkung zwischen mir und dem Rollstuhl kommt, die es gar nicht erlaubt, den Rollstuhl ohne mich zu denken. Nur mit dem Rollstuhl kann ich mich fortbewegen, und wen der Rollstuhl nervt, der ist auch automatisch durch meine Fortbewegung genervt.

  12. Manu sagt:

    „Ich weiß ja nun nicht, wer diesen Beitrag liest, ob er überhaupt gelesen wird. Aber ich hoffe, dass es vielleicht doch der ein oder andere tut und sich meine Worte vielleicht sogar ein wenig zu Herzen nimmt. “

    Habs gelesen. Behaupte, das schon in der Vergangenheit sprachlich berücksichtigt zu haben, kann es mir selbst aber nicht 100% garantieren. Werde mindestens von nun an nochmals besonders darauf achten. Danke für deine Offenheit und den wichtigen, guten Hinweis.

  13. Alex Schestag sagt:

    Ja, es gibt generell auch viele Menschen, die vermehrt darauf achten. Ich wollte sicherlich nicht alle über einen Kamm scheren. 🙂

  14. Klaus sagt:

    Hallo,
    erstmal vorneweg, ich habe wirklich Verständnis für deine Situation, dennoch zwei Punkte welche mir aufgefallen sind …

    1. Ich habe es noch nie erlebt das in der Öffentlichkeit jemand als „Rohlstuhl“ tituliert wurde. In meinem Umfeld sowie meiner sonstigen Erfahrung, war immer von „Rohlstuhlfahrern“ die Rede. Und so ist es nunmal. Jemand der mit dem Rennrad unterwegs ist, wird in diesem Moment zum „Rennradfahrer“, das ist doch das normalste auf der Welt. Wenn jemand wirklich dich persönlich als „Rohlstuhl“ bezeichnet, finde ich das auch nicht korrekt, habe ich aber wie gesagt noch nie erlebt.

    2. Bzg. deines Facebook Kommentars: „Als Rollstuhlfahrer steht mir in der Bahn kein Sitzplatz zu. Es wird erwartet, dass ich im Rollstuhl sitzen bleibe.“ … Dafür stehen Rollstuhlfahrern doch extra vorgesehene Plätze zu auf welchen sie „parken“ können und welche wiederum von anderen Fahrgästen nicht genutzt werden dürfen. Zumindest müssen diese geräumt werden wenn ein Rollstuhlfahrer kommt. Warum sollte bei der Konzeption von Verkehrsmitteln davon ausgegangen werden das jemand von seinem Rohlstuhl auf einem regulären Platz wechselt?

  15. Alex Schestag sagt:

    Zu 1. Dass ein Nichtbetroffener das so nicht wahrnimmt, ist normal. Mir geht das bei anderen Dingen, die mich nicht betreffen, genauso. Oder willst du mir damit sagen, dass ich mir das aus den Fingern sauge und ich es nicht fast jedesmal erlebe, wenn ich mit dem Bus oder der Bahn fahre?

    Zu 2. Darum ging es bei dem Kommentar gar nicht. Das bezog sich auf die etwas seltsame Erklärung der Piktogrammfarben, dass sich Rollstuhlfahrer ja umsetzen würden, während ihre Rollstühle zusammengeklappt in der Ecke landen würden.

  16. Alex Schestag sagt:

    Zu 1. Dass ein Nichtbetroffener das so nicht wahrnimmt, ist normal. Mir geht das bei anderen Dingen, die mich nicht betreffen, genauso. Oder willst du mir damit sagen, dass ich mir das aus den Fingern sauge und ich es nicht fast jedesmal erlebe, wenn ich mit dem Bus oder der Bahn fahre?

    Zu 2. Darum ging es bei dem Kommentar gar nicht. Das bezog sich auf die etwas seltsame Erklärung der Piktogrammfarben, dass sich Rollstuhlfahrer ja umsetzen würden, während ihre Rollstühle zusammengeklappt in der Ecke landen würden.

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