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Liebe Presse, wir müssen reden!

In den letzten Tagen hast du mehrfach über Kompromittierungen von Websites oder über andere Cyberangriffe berichtet. So hast du über die Abschaltung des „Peerblog“ getitelt „Peerblog“ nach Hackerattacken eingestellt. Und heute meldest du Hacker stellten private Bush-Fotos ins Netz.

Und das sind nur zwei Beispiele von vielen. Immer sind es für dich die „bösen Hacker“, wenn eine Website kompromittiert, in Server eingebrochen oder Daten unerlaubt kopiert werden. (Nein, Daten werden auch nicht „gestohlen“, wie du oft behauptest, denn was gestohlen wird, ist weg. Daten sind aber meistens noch da, wenn sie illegal kopiert wurden. Aber darüber reden wir ein andermal.).

Nun ist es aber so: Die echten Hacker finden das gar nicht lustig, dass du ihnen all das in die Schuhe schieben willst. Denn die Hacker sind gar nicht so böse, wie du sie immer darstellst. Sie tun sogar viele gute Dinge. Aber von vorne.

Hacker sind nämlich keine Verbrecher. Hacker sind vor allem Menschen, die sich für Technik interessieren und ungewöhnliche Dinge damit anstellen. Sie hinterfragen Dinge und betrachten sie aus ungewöhnlichen Blickwinkeln. Ursprünglich stammte dieser Begriff aus einem Modelleisenbahnerclub am MIT. In diesem Club wird ein Hacker wie folgt beschrieben:

„We at TMRC use the term „hacker“ only in its original meaning, someone who applies ingenuity to create a clever result, called a „hack“. The essence of a „hack“ is that it is done quickly, and is usually inelegant. It accomplishes the desired goal without changing the design of the system it is embedded in. Despite often being at odds with the design of the larger system, a hack is generally quite clever and effective.“
(http://tmrc.mit.edu/hackers-ref.html).

Wau Holland, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs, hat den Begriff Hacker kurz und prägnant so definiert:

„Ein Hacker ist jemand, der versucht einen Weg zu finden, wie man mit einer Kaffeemaschine Toast zubereiten kann.“
(http://ulm.ccc.de/old/chaos-seminar/hacker/hacker.pdf, Folie 9).

Ich würde den Begriff „Hacker“ sogar noch etwas weiter fassen. Man braucht keine Technik, um hacken zu können. Ein Hack kann auch bedeuten, dass man einen Menschen dazu bringt, etwas zu tun oder etwas zu glauben. Dessen bedient sich beispielsweise das sogenannte Social Engineering. Und eigentlich umfasst der Begriff „Hacker“ in manchen Definitionen noch viel mehr, beispielsweise die Freie-Software-Szene oder die Lockpicker. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Der Zusammenhang des Begriffs „Hacker“ mit Computersicherheit entstand somit auch erst später, und die Kriminalisierung der Hackerszene wurde fürderhin von dir, liebe Presse, munter vorangetrieben. Du hast dir also quasi deinen eigenen Mythos vom „bösen Hacker“, der Verbrechen begeht, erfunden und hältst ihn bis heute am Leben. Aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Hacker decken oft Sicherheitslücken auf und warnen die Gesellschaft davor. Sie tun also das Gegenteil von dem, was du ihnen immer wieder unterstellst.

Einen ganz wichtigen Aspekt übersiehst du dabei allerdings. Hacker haben sich schon sehr früh eine Ethik gegeben. Zwei Kernaspekte der Hackerethik – hier in der Erweiterung von Wau Holland und dem CCC – lauten „Mülle nicht in den Daten anderer Leute “ und „Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen“. Diese beiden Aspekte sollten dir eigentlich deutlich zeigen, dass Hacker schon per definitionem beispielsweise nicht unautorisiert in fremde Systeme eindringen, um unautorisiert Daten zu kopieren.

Ja, liebe Presse (und liebe Leser): Ich bin mir durchaus bewusst, dass es auch in der frühen Hackerszene schon Subkulturen gab, die rechtlich nicht einwandfrei handelten, etwa die Phreaker. Und ich weiß auch, dass es in der Hackerszene immer wieder Diskussionen gibt, was legitim ist und was nicht, und dass es dabei auch um Dinge geht, die strafrechtlich relevant sein können. So wird beispielsweise diskutiert, ob es legitim ist, Websites, die Diktaturen stützen oder andere menschenfeindliche Ideologien vertreten, im Sinne eines politischen Protests zu verändern oder durch Angriffe unerreichbar zu machen.

Aber: Um solche Dinge geht es in vielen Fällen nicht, wenn du, liebe Presse, von „Hackern“ redest. In den allermeisten Fällen geht es dabei um Einbrüche in Computersysteme, die dem Zweck dienen, Daten illegal zu kopieren, um sich daran zu bereichern. Und das tun Hacker definitiv nicht. Es wäre daher schön, wenn du zukünftig in solchen Fällen nicht mehr von bösen „Hackern“ reden, sondern die Täter als das bezeichnen würdest, was sie sind: „Computerkriminelle“ oder kurz schlicht „Kriminelle“. Das wäre wirklich ganz, ganz toll und würde die Hackerszene sehr freuen. Machst du mit?

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5 Kommentare auf “Ich glaub, es hackt!”

  1. Marc sagt:

    Aber Sprache wandelt sich. Wozu also auf der ursprünglichen Bedeutung rumreiten?

    siehe auch Wikipedia: „In der allgemeinen Öffentlichkeit wird er [der Begriff „Hacker“] häufiger für Personen benutzt, die unbefugt Sicherheitsbarrieren umgehen und solche Lücken ausnutzen“

    Wieso sollten die Zeitungen den Begriff so verwenden, dass die allgemeine Öffentlichkeit ihn nicht versteht?

  2. Alex Schestag sagt:

    Ich reite nicht auf der „ursprünglichen Bedeutung“ herum, die Szene definiert sich auch heute noch so, wie man an der Hackerethik sieht. Das merke ich auch an den Reaktionen auf den Artikel. Die Wikipedia ist übrigens keine zitierfähige Quelle für den Wandel von Sprache und für die legitime Verwendung von Begriffen. Ich habe mich nicht umsonst an Originalquellen gehalten.

    Zeitungen müssen ihn doch gar nicht verwenden, sollen ihn in solchen Kontexten ja grade nicht verwenden. „In der allgemeinen Öffentlichkeit“ werden zudem viele Begriffe falsch verwendet. Es wird von „Schizophrenie“ gesprochen, wenn man eine „dissoziative Störung“ meint, Webseiten werden „programmiert“ usw. Von der Presse kann man aber eine gewisse Exaktheit und eine richtige Verwendung von Begriffen erwarten. Presse trägt hier eine Verantwortung.

  3. […] Alex Schestag: Ich glaub, es hackt! (via […]

  4. […] Ich glaub, es hackt! « Gedankennebel […]

  5. […] zu sprengen, hin zu einer Lösungsorientierung für den Profit. Auch auf die von mir schon öfter kritisierte Umdeutung von Hackern durch die Medien als böse Kriminelle geht er […]

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