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Ausgekocht!

Er ist wieder in aller Munde. Ich rede von Samuel Koch, der 2010 in der Sendung “Wetten dass…?” schwer verunglückte und seither querschnittgelähmt ist.

Nach dem Unfall entstand ein wahrer Hype um Koch, der mir schon damals aus verschiedenen Gründen auf die Nerven ging. In den letzten Monaten war Ruhe eingekehrt – bis vor ein paar Tagen.

Was war passiert? Samuel Koch war auf einer Berlinale-Party aufgetaucht, worüber – nicht nur – die Boulevard-Presse und insbesondere die BILD in epischer Breite berichteten.

Wo ist nun das Problem? Nun, ich störe mich an der Art der Berichterstattung. Die BILD beispielsweise schreibt in Großbuchstaben “SAMUEL KOCH SUPERSTAR!”.

Und nun frage ich mich: Wieso ist jemand ein “Superstar”, der wegen einer fahrlässigen Wette selbstverschuldet eine Querschnittlähmung davon trägt, dank des ZDF im Rücken trotzdem die bestmögliche Behandlung in einer schweizer Privatklinik erhält und zwei Jahre später zufällig auf einer Party erscheint? Wo ist da die Leistung, die das Attribut “Superstar” rechtfertigt? Damit wir uns nicht missverstehen: Ich möchte damit nicht sagen, dass Samuel Koch in diesen zwei Jahren nichts geleistet hat. Eine Querschnittlähmung ist kein Zuckerschlecken, und danach wieder ins Leben zurückzukommen, war und ist sicher immer noch auch für ihn nicht einfach. Aber das macht ihn nicht zum “Superstar”.

Interessanterweise wird im selben Blatt von Franz Josef Wagner ein völlig gegenteiliges Bild von Behinderung gezeichnet. Wagner schreibt:

“Ich bewundere Sie, lieber Samuel Koch, dass Sie auf einer Party sind und nicht in der Finsternis ihrer Behinderung bleiben.”

Wagner drischt hier also das für ihn übliche Klischee, dass Behinderung nur “Finsternis” ist. Diesbezüglich ist Wagner Wiederholungstäter. So schrieb er beispielsweise einmal über Menschen mit Behinderungen:

“Es ist kein schönes Leben, wenn man im Rollstuhl den Bordstein hochkommen will. Es ist kein schönes Leben, wenn man sich die Schuhe nicht mehr alleine anziehen kann.”

Menschen mit Behinderungen sind in dieser Darstellung also entweder bedauernswerte Wesen, die nur von Finsternis umgeben sind und kein schönes Leben haben können, oder – wenn sie prominent sind – “Superstars”, die man für ihre Taten bewundern muss.

Beides ist völliger Blödsinn.

Ohne Frage, eine Behinderung stellt einen Menschen oft vor große Herausforderungen, insbesondere wenn sie erworben ist. Viele Betroffene müssen zudem unter wesentlich schwereren Umständen mit einer solch einschneidenden Veränderung in ihrem Leben klarkommen als Samuel Koch. Die meisten Menschen, denen ähnliches widerfährt, sind normale Kassenpatienten, die nach einem solchen – in diesen Fällen oft unverschuldeten – Unfall in normalen Kliniken landen und nach Kassenprogramm abgefertigt werden, die ohne mediale Aufmerksamkeit und mit wesentlich weniger finanzieller Unterstützung klarkommen müssen – was es ihnen oft nicht erlaubt, die besten Rehamaßnahmen in Anspruch zu nehmen – die ihren alten Beruf nicht weiter ausüben können und keine üppige Unterstützung von einem Fernsehsender bekommen.

Auch diese Menschen sind deswegen meiner Meinung nach keine “Superstars”. Der Begriff ist hier einfach völlig unangebracht.

Aber sie sind auch nicht die bedauernswerten Wesen, die Wagner aus ihnen macht. Das Leben von Menschen mit Behinderungen besteht nicht nur aus Finsternis, sondern kann so viel Licht und Schatten beinhalten wie das Leben eines jeden anderen Menschen auch. Und es kann auch sehr schön sein, auch wenn man als Rollstuhlfahrer Schwierigkeiten hat, auf Bordsteine hochzukommen oder sich die Schuhe zu binden. Hier spreche ich aus eigener Erfahrung.

Es wäre daher dringend angebracht, den medialen Blick viel öfter auf die ganz normalen Menschen mit Behinderungen und ihre alltäglichen Probleme, aber vor allem auch auf ihr alltägliches Leben mit seinen alltäglichen Hochs und Tiefs und den schönen und den weniger schönen alltäglichen Dingen zu richten, anstatt ständig einen privilegierten Betroffenen zum “Vorzeige-Behinderten” hochzustilisieren und mit dieser gegensätzlichen Berichterstattung vom Mensch mit Behinderung als “Superstar” und gleichzeitig als bedauernswertem Wesen ein Zerrbild von Behinderung in die Öffentlichkeit zu transportieren, das mit der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen mit Behinderung rein gar nichts zu tun hat.

flattr this!

5 Kommentare auf “Ausgekocht!”

  1. Marc Haunschild sagt:

    Lieber Alexander, du hast natürlich recht. Es gibt so viele Menschen, die zum Superstar hochgejubelt werden, ohne etwas besonderes geleistet zu haben. Sie waren nur zur richtigen Zeit am falschen oder richtigen Ort. Zufall ist aber keine Leistung, die es zu bewundern gilt. Das was einem widerfährt ist überhaupt niemals eine Leistung.
    Viel wichtiger ist aber der andere Aspekt. Ich bin der festen Überzeugung, dass man einen Menschen in Unzufriedenheit hineinreden kann, ja, dass das sogar die Regel ist. Die wenigsten sind aufgrund eigener Erkenntnisse unglücklich, sondern weil man ihnen dauernd einredet, gar nicht glücklich sein zu können, weil sie doch so benachteiligt sind. Oder weil Ihnen von anderen vorgegaukelt wird, sie hätten ein so viel besseres Leben (siehe Unzufriedenheitsstudie zu Facebook). In deinem Beispiel wird es besonders deutlich, wie das unverdiente Heraufsetzen des einen und das ungerechtfertigte Herabsetzen des anderen Schicksals von den Medien auch noch millionenfach unter das Volk gebracht wird. Wer solche Meinungen übernimmt (dank “BILD dir deine Meinung” sicher viele), wird im Umgang mit Menschen, die er für benachteiligt hält, unbewusst ein mitleidig-überlegenes Verhalten an den Tag legen. Solch einem Verhalten dauernd begegnen zu müssen, kann nicht angenehm sein. Aber dieses Verhalten dürfte einen großen Anteil daran haben, dass Menschen sich unwohl fühlen in ihrer Haut – und das beziehe ich jetzt nicht nur auf jene, die körperlich eingeschränkt sind.
    Das ärgerlichste: die Verursacher meinen es nicht böse, sie glauben, das muss alles so sein: jemand der nicht laufen kann, eine Waise ist oder in einem armen Land wohnt, kann einfach nicht glücklich sein.
    Und das absolut unbegreiflichste daran: wer so denkt ist in der Regel nicht glücklicher. – Seltsame Welt ;-)

  2. Alex Schestag sagt:

    Das hast du jetzt sehr schön ausgedrückt, Marc. Ganz meine Meinung. Ohne Frage, auch eine Behinderung per se kann mal unglücklich machen. Tiefs deswegen sind mir nicht unbekannt. Es gibt auch Menschen, die darüber an Depressionen erkranken. Aber nicht selten trifft das zu, was du sagst.

  3. Marc sagt:

    Da bin ich froh, ich hatte etwas Sorgen, meine laienhaften Beobachtungen einem Fachmann gegenüber auszusprechen.
    Dass der Umkehrschluss nicht möglich ist, ist auch klar. Keiner ist glücklich, *weil* er im Rollstuhl sitzt. Aber auch von dieser Regel gibt es vermutlich Ausnahmen, wie einen Paralympics-Sieger, dem klar ist, dass er bei den olympischen Spielen vermutlich keine Goldmedaille gewonnen hätte.
    Und wiederum macht auch eine Goldmedaille nicht dauerhaft glücklich, wenngleich wir hier zumindest begrifflich etwas näher am Ursprungsthema sein dürften, nämlich dem “Star”.
    Ziemlich viele Gedanken, die du da aufgeworfen hast. Interessantes Thema!
    Natürlich sind diese nicht zu Ende gedacht, aber ich nehme mal an, das erlaubst du in einem Blog, das Gedankennebel heißt. ;-)

  4. […] 16.02.2013 Alex Schestag: Ausgekocht! […]

  5. Alex Schestag sagt:

    Sicher erlaube ich das. ;-) Und deine Gedankengänge sind auch nicht falsch.

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