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Google hat bekannt gegeben, seinen RSS-Reader zum 1. Juli abzuschalten. Die Aufregung im Netz ist nun groß, weil viele User ihren Workflow bezüglich RSS auf diesem Tool aufgebaut haben. Sogar eine Petition mit mittlerweile fast 80.000 Unterzeichnern wurde eingereicht, um Google zur Rücknahme der Entscheidung zu bewegen.

Ich gebe offen zu, ich habe für die ganze Aufregung überhaupt kein Verständnis. Die User sind doch selbst schuld, dass ihnen das jetzt auf die Füße fällt. Wer sich bei für ihn – insbesondere im beruflichen Kontext – relevanten und (unternehmens)kritischen Aufgaben auf kostenlose Dienste eines Drittanbieters verlässt und erwartet, dass der Drittanbieter diese Dienste ewig anzubieten hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Aber genau diese Einstellung scheint in weiten Teilen des Netzes vorzuherrschen. Man begibt sich gern und oft aus Gründen des „Komforts“ leichtfertig in Abhängigkeit von Drittanbietern, vor allem dann, wenn sie ihre Dienste kostenlos anbieten. Dass dieser Komfort – ich nenne es auch Faulheit – unter Umständen teurer bezahlt werden muss, als einem lieb sein kann, ist offenbar den wenigsten klar. Sei es, dass Dienste willkürlich abgeschaltet oder Accounts ohne Begründung gesperrt werden, wie es bei Google schon oft der Fall war. Besonders problematisch wird das, wenn man verschiedene Dienste eines Drittanbieters unter einem Account nutzt. Wenn dann dieser eine Account gesperrt wurde oder der Account oder gar der ganze Dienst wegen eines Angriffs komplett ausfällt oder gar geschlossen wird, ist auch der Zugriff auf alle Daten weg. Hat man in diesem Falle keine Backups, steht man schnell vor dem digitalen Nichts. Nicht nur, dass man keinen Zugriff mehr auf vielleicht beruflich wichtige Daten und Dokumente hat. Auch wertvolle persönliche Erinnerungen können verloren gehen, wenn das eigene Blog dicht gemacht wird oder der zentrale Fotodienst auf einmal den Zugriff verweigert.

Ohne Frage, diese Probleme stellen sich beim Google Reader nicht, weil es eine lange Vorlaufzeit gibt. Dennoch sollte sich jeder davon Betroffene fragen, ob, anstatt sich zu empören, nicht ein radikales Umdenken dahingehend angesagt ist, wie wir unser digitales Leben organisieren. Jeder sollte sich fragen, ob er wirklich den Preis der totalen Abhängigkeit von Drittanbietern für ein bisschen mehr Komfort zahlen oder ob er nicht vielleicht mit etwas mehr Aufwand Lösungen finden möchte, die er selbst unter Kontrolle hat. Das können Desktop-, mobile oder selbstgehostete Webanwendungen sein. Seien wir ehrlich: Oft benötigen wir viele der tollen Features, die uns Drittanbieter ohne Frage oft bieten, gar nicht und kämen mit viel weniger aus.

Die Abschaltung des Google Readers wäre der richtige Anlass, um einmal über diese Dinge nachzudenken und vielleicht sogar einen Paradigmenwechsel bezüglich der Organisation digitalen Lebens einzuläuten, die allen Usern vielleicht etwas weniger Komfort, dafür aber wesentlich mehr Sicherheit und Zuverlässigkeit bei eben dieser Organisation geben würde. Aber offensichtlich ist das nicht gewollt. Schade drum. Hier wird gerade eine große Chance verpasst.

Update: t3n listet nun auch einige Dienste zum Selberhosten auf. Dort finden sich einige gute Anregungen.

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6 Kommentare auf “Was wir aus der Abschaltung des Google Readers lernen könnten – wenn wir denn wollten”

  1. André S. sagt:

    Deine Gedanken sind insgesamt richtig.
    Zum Dienst „Reader“: Google hätte ja auch versuchen können, als Alternative zum Abschalten, wie viele der „Kostenlosnutzer“ bereit gewesen wären, gegen einen monatlichen Obulus den Dienst weiter nutzen zu können, z.B. ala Pay what you want.
    Ich persönlich nutze auch gern kostenlose (Open-Source) Tools. Aber ich habe auch schon mehrfach dem jeweiligen Programmierer/Projekt eine Spende zukommen lassen, weil ich das Tool gut fand und es gern weiter entwickelt sehen möchte.

  2. Ulf sagt:

    Etwas kurzsichtig und polemisch.

    Google Reader hat sich meiner Meinung nach vor allem durchgesetzt, weil er von den Funktionen und Bedienung her mit Abstand der beste ist.
    Ich glaube: Viele der Unterzeichner würden für so einen Service bestimmt auch Geld zahlen, damit er bestehen bleiben kann.

  3. Alex Schestag sagt:

    Polemisch vielleicht, kurzsichtig nicht, im Gegenteil. Ich halte jeden für kurzsichtig, der sich insbesondere im professionellen Umfeld auf (kostenlose) Dienste von Drittanbietern verlässt. Du zielst wieder nur auf die Funktionalität ab. Funktionsumfang ist nicht alles. Wenn mir ein Dienst, den ich beruflich dringendst brauche, wegbricht, nützt mir der tollste Funktionsumfang doch nichts. Das ist dann für mich kurzsichtig.

    Und auch das Geld zahlen macht es nur geringfügig besser, weil man dann vielleicht eine leicht bessere vertragliche Position hat. Darum ging es mir im Kern aber überhaupt nicht. Das Problem ist das Abhängigmachen von Drittanbietern per se. Man liefert sich um des Komforts Willen an einige wenige solche vollkommen aus, und wenn diese den Dienst einstellen – was sie auch bei kostenpflichtigen Angeboten jederzeit dürfen – hat man ein riesiges Problem. Insbesondere für Selbstständige und kleine Unternehmen, die geschäftlich darauf angewiesen sind, ist das von Übel und kann existenzbedrohende Ausmaße annehmen. Und das Endergebnis ist auf lange Sicht ein Web, das von einigen wenigen Anbietern, ohne die dann keiner mehr arbeiten kann, völlig dominiert wird. Und so ein Web will ich nicht. Daher mache ich immer wieder darauf aufmerksam, dass man es auch anders machen kann, indem man es selbst tut. Das ist gar nicht so schwer und kostet nicht mehr, als wenn man einen Drittanbieter dafür bezahlt. Man hat dann vielleicht etwas weniger Komfort, aber man ist nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Das verstehe ich unter nachhaltig und langfristig gedacht.

  4. Alex Schestag sagt:

    Kostenlose Open-Source-Tools sind was ganz anderes, weil man die unter eigener Kontrolle einsetzt. Nehmen wir als Beispiel Thunderbird. Die Entwicklung ist auch eingestellt. Dennoch ist das Programm in einer finalen produktiven Version sehr gut nutzbar und wird es immer bleiben. Wenn mir der Funktionsumfang reicht, kann ich damit locker die nächsten 10 Jahre weiter arbeiten. Wenn dagegen GMail eingestellt wird, haben Millionen User, die das nur online nutzen, ein Problem und auf einmal kein Mailprogramm mehr. Da liegt der Hund begraben.

  5. […] weil das so ist, gibt es Menschen wie Alexander Schestag, die es einfach prinzipiell für eine Dummheit halten, seine eigenen Daten bei irgendeinem mehr […]

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