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Heimatlos?

Katja Wenk macht derzeit eine Blogparade zum Thema „Was ist eure Heimat?“ Da mich diese Frage in letzter Zeit bereits gedanklich umgetrieben hat und ich ohnehin vorhatte, vielleicht darüber zu bloggen, möchte auch ich dazu ein paar Sätze schreiben.

Ich möchte meine Überlegungen mit einer ganz grundsätzlichen Frage beginnen, nämlich der nach der Legitimation des Begriffs „Heimat“. Ich war oft mit der Frage konfrontiert, ob man überhaupt von „Heimat“ reden kann. Als ehemaliges Grünen-Mitglied und eher links orientierter Mensch weiß ich, dass es schwierig ist, in Deutschland vorbehaltlos über diesen Begriff zu sprechen. Allzu oft wird man in die rechte Ecke gesteckt, wenn man sich nicht nur kritisch mit dem Heimatbegriff auseinandersetzt. Denn viele Menschen, insbesondere im linken Umfeld, assoziieren damit sofort rechtslastige Definitionen, bei denen das Wort automatisch negative Konzepte wie Aus- und Abgrenzung, Nationalismus oder gar Revisionismus beinhaltet.

Dass es auch anders geht, hat vor einiger Zeit Jörg Rupp in einem bemerkenswerten Blogartikel gezeigt, in dem er als Grüner vom linken Flügel schrieb

Es wird Zeit, dass wir den Begriff aus seiner nationalistischen und konservativen Gefangenschaft befreien. Ich verbinde mit Heimat keinen “Stolz” darauf, in einer bestimmten Gegend der Welt geboren zu sein. Und ich verbinde damit auch kein “alles ist irgendwie gut, daheim” oder gar die Pflicht, sich mit einer wie auch immer gearteten Heimat verbunden zu fühlen.

Ich finde, Jörg hat recht. Es gibt keinen Grund, nicht auch als links denkender Mensch von „Heimat“ zu sprechen. Man muss die Definitionsmacht über den Begriff nicht an Kräfte abgeben, die damit Ausgrenzung oder gar Revisionismus betreiben.

Das führt mich zu der eigentlichen Frage, die ich mir in letzter Zeit unabhängig von dieser Blogparade gestellt habe: Was ist für mich Heimat?

Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich einfach – und wiederum doch nicht. Heimat ist für mich da, wo ich das Gefühl habe „Da gehörst du hin!“. Jetzt werdet ihr sicher sagen, dass das ein bisschen schwammig ist und vieles bedeuten kann. Und ihr habt recht. So sagt Annette Schwindt in ihrem Beitrag, dass für sie nicht der Ort das Entscheidende ist, sondern die Menschen, und dass für Sie Heimat da ist, wo ihr Mann ist.

Das ist bei mir zwar nicht völlig anders, weil Heimat auch für mich etwas mit Menschen zu tun hat. Aber wenn ich an „Heimat“ denke, verbinde ich das vor allem mit schönen Erinnerungen an Orte, an denen ich gelebt habe, und insbesondere auch mit Landschaften. Dabei kommt es nicht darauf an, wie lange ich an einem Ort gelebt habe. Ich bin dreimal umgezogen und lebe mittlerweile seit fast 29 Jahren in Heidelberg. Ich habe hier also seit geraumer Zeit meinen Lebensmittelpunkt. Und ich habe hier sicher auch einige schöne Dinge erlebt wie das erfolgreiche Abitur oder den Studienabschluss. Auch landschaftlich hat Heidelberg als Stadt der Romantik einiges zu bieten.

Würde ich deswegen Heidelberg als meine Heimat bezeichnen? Nein, definitiv nicht. Denn ich habe zu Heidelberg trotz der langen Zeit, die ich mittlerweile hier verbracht habe, nie die emotionale Bindung aufbauen können, die für mich nötig ist, um von „Heimat“ zu sprechen. Mittlerweile identifiziere ich mich zwar mit Heidelberg als meinem Lebensmittelpunkt und zeige dies auch durch kommunalpolitisches Engagement. Aber meine Heimat ist Heidelberg nicht.

Anders ist es sicherlich mit dem Saarland,.Dort bin ich geboren. Dort steht das Haus meiner Großmutter, zu der ich eine sehr enge emotionale Bindung hatte. Auch wenn ich schon gut 20 Jahre lang nicht mehr dort war und während der Zeit dort definitiv nicht nur schöne Dinge erlebt habe sondern auch eine sehr schwere Zeit hatte, bekomme ich doch heimatliche Gefühle, wenn ich an den Ausblick von dort auf den Berg bei unserem Dorf denke. Es ist ein Gefühl von „da kommst du her, da sind deine Wurzeln.“. Und das ist für mich definitiv Heimat.

Später habe ich einige Jahre am Bodensee verbracht. Mit dieser Zeit und mit diesem Ort verbinde ich heutzutage offen gestanden kaum noch etwas. Ich kann nicht sagen, dass ich mich dort durch und durch unwohl gefühlt habe. Aber ähnlich wie bei Heidelberg ist mit diesem Ort keinerlei emotionale Bindung entstanden.

Ohne Frage die stärkste emotionale Bindung habe ich jedoch zu Hamburg, wo ich die nachfolgenden fast fünf Jahre gelebt habe. Das liegt sicherlich auch daran, dass ich dort prägende Jahre meiner Kindheit verbracht habe. Das Gefühl, als ich den Ort, in dem ich damals wohnte, nach vielen Jahren wieder einmal besuchte, kann ich nicht in Worte fassen. Ich habe mich sofort wieder „zuhause“ gefühlt. Obwohl ich ihn nicht mehr bewusst erinnern konnte und mir ein Busfahrer eine falsche Auskunft gab, fand ich intuitiv den richtigen Weg zu meinem früheren Wohnort. All die Kindheitserinnerungen, die sich sofort wieder einstellten, als wäre es gestern gewesen, als ich auf dem großen Spielplatz stand, auf dem ich viele schöne Tage meiner Kindheit verbracht hatte, taten ihr Übriges. Für mich ist klar: Auch dieser Ort ist für mich Heimat. Ich fühle mich dort „zuhause“ und „richtig“, obwohl ich nun schon seit fast 3 Jahrzehnten nicht mehr da lebe. Das hat sicher auch mit der Mentalität der Menschen dort zu tun, die ich sehr schätze. Und auch die Nähe zum Meer spielt für mich eine große Rolle. Das Meer fehlt mir. Die Weite. Das Licht. Die Luft. Zwar gibt es hier in Heidelberg den Neckar, aber das ist nicht dasselbe. Ich blühe schon auf, wenn ich nur am Hamburger Hafen sitzen und den Schiffen im Abendlicht beim Herausfahren zuschauen kann.

Es gibt also sogar zwei Orte, die ich – aus unterschiedlichen Gründen – als Heimat bezeichnen würde. Ihr fragt euch jetzt sicher, warum ich diesen Artikel trotzdem mit „Heimatlos?“ überschrieben habe. Nun, ein wenig heimatlos fühle ich mich im Moment schon, wenn ich genauer darüber nachdenke. Denn die beiden Orte, die für mich Heimat bedeuten, sind ganz weit weg. Dort werde ich auch in absehbarer Zeit allenfalls zu Besuch hinkommen. Und so würde ich in der Tat sagen, dass ich mich derzeit trotz zweier Heimaten etwas entwurzelt fühle. Aber wer weiß, vielleicht ändert sich das eines Tages auch wieder – sei es an einem dieser beiden Orte oder an einem anderen Ort, den ich für mich als Heimat entdecke.

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10 Kommentare auf “Heimatlos?”