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Heimat 2.0

Gestern schrieb ich einen Beitrag für die Blogparade von Katja Wenk zu der Frage „Was ist eure Heimat?“. Einige Zeit später fiel mir auf, dass ich einen Aspekt ausgelassen hatte, der in meinem Leben doch eine sehr große Rolle spielt. Da das Thema zu umfangreich für ein Update des ersten Artikels wäre und zudem auch nicht so ganz da reinpassen würde, widme ich der Frage einen eigenen Artikel. Es geht um die Frage: Gibt es eine „virtuelle Heimat“? Und wenn ja, wo ist meine? Gibt es im Netz einen Ort, an dem ich mich „zuhause“ fühle?

Es mag für euch zunächst befremdlich sein, dass ich von „virtueller Heimat“ spreche. Heimat ist doch etwas, was die meisten Menschen immer noch mit einem Ort in der Offline-Welt verbinden.

Gleichzeitig aber verbringen immer mehr Menschen immer mehr Zeit in sogenannten virtuellen Räumen. Der Begriff ist dabei nicht neu. Ich habe mich bereits in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends mit dem Konzept des virtuellen Raums auseinandergesetzt. Diese Auseinandersetzung fand vor allem im Rahmen meiner wissenschaftlichen Untersuchungen zu virtuellen Gemeinschaften statt. Ich fand es schon immer eingängig, anzunehmen, dass auch virtuelle Gemeinschaften analog zu Offline-Gemeinschaften einen Raum brauchen, an dem sie sich verorten. So, wie sich ein Verein in seinen Vereinsräumen trifft, trifft sich eine virtuelle Gemeinschaft in einem virtuellen Raum. Das können ganz verschiedenartige Räume sein, beispielsweise IRC-Channel, MUDs (textbasierte Online-Rollenspiele) oder neuere Räume wie zum Beispiel Facebook-Gruppen.

Ich schrieb in meinem gestrigen Artikel zur Frage, was Heimat für mich ist, „Heimat ist für mich da, wo ich das Gefühl habe ‚Da gehörst du hin!'“. Und nun frage ich mich: Warum soll es in diesem Sinne nicht auch eine virtuelle Heimat geben, einen virtuellen Ort, an dem ich genau dieses Gefühl habe? Und ich bin durchaus der Meinung, dass es diesen Ort für mich gibt. Für mich ist das das IRC. IRC, kurz für Internet Relay Chat, ist eines der ältesten Chatsysteme im Netz. Es ist lange vor dem World Wide Web entstanden. Das IRC war Ende 1994, als ich bei einem Freund zum ersten Mal mit dem Internet in Berührung kam, der allererste Dienst, den ich im Netz kennenlernte. Als ich dann im April 1995 einen eigenen Internetzugang über die Universität bekam, stieg ich sofort wieder ins IRC ein. Und es gehört auch heute, 18 Jahre später, immer noch zu den Diensten, die ich am meisten nutze. Virtuelle Räume werden im IRC durch sogenannte Channel gebildet. In diesen Channeln bilden sich – oft recht kleine und überschaubare – virtuelle Gemeinschaften. Viele der sogenannten „Regulars“, also der regelmäßigen Nutzer, halten „ihren“ IRC-Channeln über Jahre oder gar Jahrzehnte die Treue.

In diesen fast zwei Jahrzehnten habe auch ich mich als „Regular“ in einigen IRC-Channeln fest etabliert. Im IRCNet-Channel #germany beispielsweise war ich von Anfang an, also seit 1995, zu finden. Ich habe mir mittels eines sogenannten Nicknames, den ich ebenfalls seit 1995 fast durchgängig genutzt habe, eine stabile virtuelle Identität geschaffen.

Ich habe in dieser Zeit natürlich viele Menschen im IRC kennengelernt. Wer nun meint, dass das alles nur flüchtige Bekanntschaften waren, liegt falsch. In der Tat, einige dieser Menschen sind mittlerweile wieder aus meinem Leben verschwunden – und teilweise an anderer Stelle in einem anderen virtuellen Raum im Netz wieder aufgetaucht. Sehr viele andere aber sind geblieben. Und einige von ihnen sind meine Freunde geworden – und das, obwohl ich sie teilweise noch nie offline getroffen habe.

Was hat das nun alles mit Heimat zu tun? Nun, es gibt für mich eben diesen einen IRC-Channel, der mir das Gefühl gibt „Da gehörst du hin!“, das für mich Heimat ausmacht. Es ist der bereits genannte IRCNet-Channel #germany. Dort liegen sozusagen meine virtuellen Wurzeln. Dort habe ich meine ersten Schritte im Netz gemacht. Und dort treffe ich auch nach fast zwei Jahrzehnten immer noch einige der Menschen an, die damals bei meinen ersten Schritten im Netz dabei waren. Kurz: Ich habe eine über viele Jahre hinweg entstandende emotionale Bindung zu diesem virtuellen Raum. In dieser langen Zeit ist natürlich auch viel passiert. Ich hatte dem Channel wegen Konflikten innerhalb der Gemeinschaft sogar für einige Zeit den Rücken gekehrt, bin aber nach gut anderthalb Jahren zurückgekehrt.

Mittlerweile bin ich natürlich auch in vielen anderen virtuellen Räumen unterwegs. Zu kaum einem dieser Orte konnte ich jedoch eine so starke emotionale Bindung aufbauen wie zu #germany und den Menschen dort. Insbesondere die virtuellen „Großstädte“, die man heute als soziale Netzwerke bezeichnet, also Facebook, Google+ und wie sie alle heißen, sind für mich keine virtuelle Heimat. Es existieren dort keine virtuellen Räume, in denen virtuelle Gemeinschaften im Sinne Rheingolds entstehen können, deren Angehörige, so Rheingold, „sich bis zu einer gewissen Grenze als menschliche Wesen umeinander kümmern“. Insbesondere dieses umeinander kümmern konnte ich außerhalb des IRC nur noch an einem virtuellen Ort im Netz beobachten, im MUD Unitopia.

Vielleicht versteht ihr jetzt, warum ich sage, dass ich auch eine virtuelle Heimat habe. Natürlich ist die emotionale Bindung dazu längst nicht so stark wie zu den Orten, die ich offline als „Heimat“ bezeichne. Aber ich glaube dennoch, dass ich mich virtuell heimatlos und entwurzelt fühlen würde, wenn es diesen virtuellen Ort nicht mehr gäbe. Auf der anderen Seite glaube ich, dass es für Menschen, die primär nur noch mit den von mir als „virtuelle Großstädte“ bezeichneten großen sozialen Netzwerken in Berührung kommen, schwer ist, eine virtuelle Heimat zu finden.

Wie sieht es mit euch aus? Habt ihr eine virtuelle Heimat?

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6 Kommentare auf “Heimat 2.0”

  1. Thomas E. sagt:

    Interessante Gedanken! Dazu hätte ich noch eine Frage und eine Antwort. Zuerst die Frage: Was ist MUD Unitopia? Unbedarfte Leser wie ich, die nicht deinen ganzen Blog kennen, wären für einen Hinweis dankbar.
    Und jetzt noch die Antwort: Meine virtuelle Heimat ist meist eine Webseite, die ich gerade (privat) gestalte und mit Inhalt fülle. Das mache ich jeweils einfach so, wie ich es gerade richtig und zeitgemäß finde. Kein Wunder, dass ich mich darin dann auskenne und wohlfühle – zumindest solange die Arbeit andauert. Wenn ich dann später einmal ein neues Projekt angehe, habe ich einfach eine alte und eine neue Heimat. Inzwischen bin ich wohl bei Heimat 5.0 angelangt ;–)

  2. Alex Schestag sagt:

    Danke, Thomas. Zunächst zu deiner Frage. Ein MUD ist ein Multi User Dungeon. Das ist ein Online-Textrollenspiel. MUDs gibt es schon seit den 1970ern. Unitopia ist das größte deutschsprachige MUD. Die Website findest du auf http://www.unitopia.de.

    Dass die eigene Website auch eine virtuelle Heimat sein kann, ist ein interessanter Gedanke. Ich kann das gut nachvollziehen, wenn man, wie du schön beschreibst, viel Liebe und Zeit in die Gestaltung gesteckt hat. Vielleicht steckt da ja der Gedanke dahinter „My home is my castle“. 🙂 Für mich hat virtuelle Heimat aber auch viel mit dem Kontakt zu anderen Menschen, mit Kommunikation und vor allem mit Konstanz darin zu tun. Klar wird hier auch kommuniziert. Das tun wir ja gerade. Aber du wirst vielleicht nie wieder in meinem Blog kommunizieren. Mit einigen Menschen im IRC beispielsweise kommuniziere ich schon seit Jahrzehnten fast täglich. Das ist eine ganz andere Dimension. Natürlich kann es das auch in lange existierenden Blogs geben, wenn Leute immer wieder kommen und kommentieren. Ich habe das allerdings bisher noch nicht so erlebt.

  3. Thomas E. sagt:

    Da hast du schon recht, Alex, vielleicht ist eine eigene Website eher ein digitales Zuhause oder ein virtuelles Heim – ohne deswegen gleich Heimat zu sein. Ein Zuhause kann ja auch fern der Heimat sein. Ob es für Heimat zwingend soziale Beziehungen braucht, bezweifle ich aber – ich glaube, dass auch Einsiedler eine Heimat haben. Nicht, dass ich selber einsiedlerische Ambitionen hätte; wie man sieht, schätze ich Dialoge und Diskussionen sehr.

  4. Alex Schestag sagt:

    Ja, in der Offline-Welt gebe ich dir Recht. Ich habe ja in dem Artikel „Heimatlos?“ meine Definition von Heimat auch stark an Landschaften gebunden. Online sehe ich das aber etwas anders, weil online vor allem Kommunikation ist. Da bleibt nicht viel anderes. Klar kann man auch da Einsiedler sein. Aber das tun die Wenigsten, weil es nicht viel bringt.

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