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Wibke Ladwig hat der Bloggerwelt ein Blogstöckchen zum Thema Lesen zugeworfen, auf das mich Annette aufmerksam gemacht hat und das ich gerne aufnehmen möchte.

Welches Buch liest Du momentan?

„1984“ von George Orwell.

Warum liest Du das Buch? Was magst Du daran?

Von mögen würde ich in diesem Fall nicht sprechen. Ja, es fasziniert mich, aber es ist ja alles andere als eine schöne Geschichte. Ich lese es angesichts des derzeitigen Überwachungsskandals. Ich bin bei der #StopWatchingUs-Bewegung sehr aktiv. Das Buch ist eine eindringliche Mahnung, was uns droht, wenn wir uns weiter einlullen lassen und uns nicht gegen das wehren, was hier grade in Sachen Überwachung geschieht. Gleichzeitig erschreckt es mich aber, wenn ich jetzt schon zahlreiche Parallelen zur Realität bemerke. „1984“ ist eigentlich keine „Dystopie“ mehr, wie Orwell im Untertitel des Buchs schrieb, sondern in vielen Punkten bereits eine Zustandsbeschreibung.

Wurde Dir als Kind vorgelesen? Kannst Du Dich an eine der Geschichten erinnern?

Ja, mir wurde als Kind vorgelesen, unter anderem in der Grundschule. An eine der Geschichten kann ich mich noch sehr gut erinnern, weil sie mich schon als Kind tief beeindruckt hat und ich sie immer wieder lese. Das Buch, das uns damals vorgelesen wurde, heißt „König Hänschen I“ und seine Fortsetzung „König Hänschen auf der einsamen Insel“. Diese beiden Kinderbücher sind bis zum heutigen Tage mein Lieblingsbücher, und mittlerweile habe ich mich auch intensiv mit der Biographie des Autors beschäftigt.

Die Bücher handeln von einem kleinen Jungen, der nach dem Tode seiner Eltern König wird. Er versucht, sich in der Welt der Erwachsenen zu behaupten und Kindern die Möglichkeit zu geben, mitzubestimmen, indem er ein Kinderparlament und andere Dinge einführt. Der Autor des Buches, Janusz Korczak, war ein polnischer Arzt, Pädagoge und Schriftsteller, der auch zahlreiche pädagogische Werke über Kinderrechte verfasst hat und heute quasi als Vorreiter der UN-Kinderrechtskonvention gilt. Er führte im Warschauer Ghetto ein jüdisches Kinderheim und wandte dort sehr erfolgreich die Prinzipien an, die er in seinen Schriften und auch in „König Hänschen“ beschrieben hatte. Bis heute findet die sogenannte Korczak-Pädagogik Anwendung. Korczak ging 1942 mit „seinen“ Kindern nach Treblinka und wurde dort mit ihnen ermordet – obwohl er sich hätte retten können.

Eigentlich dürfte ich die Bücher gar nicht mehr lesen, weil Janusz Korczak Erwachsenen im Vorwort verbietet, sie zu lesen, weil sie sie nicht verstehen würden. Aber das stört mich nicht, weil ich glaube, sie auch heute noch zu verstehen. Ich glaube jedoch, dass Korczak bei vielen Erwachsenen recht hat. Sie würden sie nicht verstehen. Ihnen geht es so, wie Korczak mal an anderer Stelle beschrieb:

„Ihr sagt:
„Der Umgang mit Kindern ermüdet uns.“
Ihr habt recht.
Ihr sagt:
„Denn wir müssen zu ihrer Begriffswelt hinuntersteigen.
Hinuntersteigen, uns herabneigen, beugen, kleiner machen.“
Ihr irrt euch.
Nicht das ermüdet uns. Sondern – dass wir zu ihren Gefühlen emporklimmen müssen. Emporklimmen, uns ausstrecken, auf die Zehenspitzen stellen, hinlangen.
Um nicht zu verletzen.“ (aus „Das Recht des Kindes auf Achtung“)

Verzeiht, wenn ich etwas abgeschweift bin, Aber ich glaube, das war nötig, um zu verstehen, warum ich diese beiden Kinderbücher bis heute so liebe.

Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den / die die Du mal regelrecht verliebt warst?

Nein. 🙂

In welchem Buch würdest Du gern leben wollen?

Oh, das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, wenn ich die Möglichkeit hätte, in einige Bücher einfach mal einzutauchen und die Welt, die dort beschrieben wird, zu erleben, wäre das völlig ausreichend. Ich denke da an die wunderbaren historischen Ägypten-Romane von Pauline Gedge oder an die Harry-Potter-Reihe. Aber für immer leben wollte ich in keinem der Bücher. Es gibt aber einige auf Tatsachen beruhende Romane wie „Data Zone“ von Tsutomu Shimomura, in dem die Jagd auf den damals bekanntesten Hacker Kevin Mitnick beschrieben wird, bei denen ich mir beim Lesen wünschte, diese Zeit und vor allem die dort beschriebene Kultur zu dieser Zeit etwas bewusster miterlebt zu haben, weil ich heute ein Teil dieser Kultur bin und gern erlebt hätte, wie es damals war.

Welche drei Bücher würdest Du nicht mehr hergeben wollen?

Dazu gehören selbstverständlich die beiden „König Hänschen“-Bücher. Aber hergeben würde ich eigentlich kein Buch wollen. Ich könnte auch keines wegwerfen.

Ein Lieblingssatz aus einem Buch?

„Und er ruhte aus von der Schwere des Glücks und der Größe der Wunder.“ (aus „Hiob“ von Josef Roth)
„Und das war so.“ (aus „König Hänschen I“)

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