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Seit Tagen regt sich die Netzgemeinde über das Verhalten von Markus Lanz gegenüber Sahra Wagenknecht in seiner Talkshow auf. Eine Petition, die seine Entlassung fordert, hat mittlerweile fast 200.000 Unterstützer.

Gestern Abend lief im ZDF die „heute-show“. In der beliebten Satire-Sendung wurde auf die Schippe genommen, dass der ehemalige Innenminister Friedrich nun einen Ministerposten habe, der seinen Fähigkeiten entspreche, während man Friedrich beim Essen zeigte. So weit, so gut. Daraufhin äußerte Oliver Welke Verständnis dafür, dass Friedrich weiter im Kabinett sitzt, und ließ sich zu dem Satz hinreißen „Das ganze Kabinett riecht ja nach Inklusion!“.

Heißt im Klartext: Bei der „heute-show“ ist man offenbar der Meinung, Inklusion sei ein Instrument, um Menschen, die eigentlich zu allem unfähig sind, Arbeit zu verschaffen. Die Formulierung „riecht ja nach“ legt zudem nahe, dass Inklusion etwas Anrüchtiges ist, etwas, was mit Mauschelei und Pöstchenzuschieberei zu tun hat.

Dass das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass Inklusion die Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft darstellt und auch ein Menschenbild propagiert, das die Besonderheiten aller Menschen als Stärken betont, scheint bei der „heute-show“ noch nicht bekannt zu sein. Dort ist man wohl eher der Meinung, wer Inklusion nötig hat, kann nix und benötigt diese quasi als Almosen – eine Sichtweise, von der uns der Inklusionsgedanke ja gerade wegführen soll! Inklusion ist dabei ein Begriff, der ursprünglich als Verbesserung des auf dem Defizitären fußenden Integrationskonzeptes von Menschen mit Behinderungen gedacht war, um von eben jenem defizitären Bild von Behinderung wegzukommen, und auch heute noch schwerpunktmäßig so verwendet, aber mittlerweile auch auf alle Menschen ausgedehnt wird.

Nun werden sicher einige sagen: „Stell dich nicht so an! Das ist Satire, die darf das!“ Kann man so sehen, muss man aber nicht. Denn hier wird ja nicht Inklusion selbst auf die Schippe genommen. Vielmehr wird ein falsches und diskriminierendes Verständnis von Inklusion zum Zwecke der Satire instrumentalisiert. Das ist ungefähr vergleichbar mit Satire, die sich frauenfeindlicher Klischees bedient, um eigentlich einen ganz anderen Missstand anzuprangern. Da würde sicherlich ein #Aufschrei durch die Twitterwelt gehen.

Nur: Wo bleibt der Aufschrei hier? Bisher blieb er aus. Ein Tweet zu mir zu dem Umstand wurde genau zweimal favorisiert. Es gab eine positive Reaktion darauf. Der Rest war Schweigen beziehungsweise Begeisterung über die „heute-show“.

Es mag nur ein kurzer Satz in einem satirischen Kontext gewesen sein. Aber ganz ehrlich: Wenn das ZDF es zulässt, dass Inklusion als Almosen für Unfähige diffamiert und in die Nähe von anrüchiger Mauschelei geschoben wird, finde ich das nicht weniger schlimm als das Verhalten von Lanz gegenüber Wagenknecht. Beides ist Ausdruck eines problematischen Menschenbildes – auch wenn es im Falle der „heute-show“ offenbar kaum jemandem aufgefallen ist. Und beides hat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts verloren.

Keine Sorge: Ich werde jetzt sicher keine Petition zur Absetzung eurer beliebten „heute-show“ starten. Und ich erwarte auch keine 200.000 empörten Reaktionen. Ich wollte euch nur mal ein klein wenig dafür sensibilisieren, was da passiert ist. In diesem Sinne euch noch viel Spaß mit weiteren Folgen der „heute-show“.

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12 Kommentare auf “Lanz und das Inklusions-Bashing bei der „heute-show“ – ein Vergleich”

  1. Eberhard sagt:

    Ja, ich bekenne, ich bin auch „heute show“ Fan. Aber ich teile Deine Meinung, auch wenn ich die gestrige Show noch nicht sehen konnte (bin gerade unterwegs, ohne Fernseher und ohne schnelles Internet).

    Schreib doch an den Oliver Welke direkt. Manchmal ist eine einzige Stimme so mächtig wie die von 130.000 bei einer Online-Petition.

    Nebenbei bemerkt: deshalb stehe ich solchen Online-Petitionen auch sehr skeptisch gegenüber. Auf jeden Einzelnen kommt es an. 130.000 sind nicht besser als einer, der eine aufrechte Meinung an.

  2. Alex Schestag sagt:

    Hab ich schon auf Twitter, Eberhard. Reaktion bisher: keine. Mal abwarten.

    Ich find die „heute-show“ oftmals auch klasse. Aber hier haben sie m. E. so richtig ins Klo gegriffen.

  3. Eberhard sagt:

    Na, dann wünsche ich Dir, Alex, daß Du auf Deine Twitter-Nachricht eine Antwort erhältst.

    Falls nicht, und falls Du dann der Meinung bist, so wie ich, daß ein solcher Faux-Pas einer härteren Reaktion bedarf als „nur“ 140 Zeichen bei Twitter, schreib doch einen Brief. Schick ihn an mich – Adresse steht auf http://www.cla.tel – und ich werde ihn dann bei Oliver Welke höchstpersönlich auf seinen Schreibtisch knallen. Die Sendung kommt ja aus Köln, daher wäre das überhaupt kein Aufwand für mich.

  4. […] Januar 2014, ZDF Die heute show witzelt, Inklusion sei, wenn inkompetente Menschen auf einmal Jobs bekommen. Tihi. Ich dachte ja, da ginge es um den Abbau von Barrieren für […]

  5. FDMS sagt:

    Über die Tatsache, dass mit Inklusion keineswegs die „Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft“ gemeint sein muss, sondern die Einbeziehung von etwas beliebigem in eine beliebige Gruppe, muss ich euch aber nicht aufklären, oder? Macht sich in euren Augen auch die Mineralogie über ausgeschlossene Menschen lustig, wenn sie von Inklusion spricht? Der Begriff Inklusion wird in unzähligen Zusammehängen verwendet, im Bezug zum Verschaffen von Arbeit für Menschen, die eigentlich zu allem unfähig sind genauso wie im Bezug zur Einstellung gegenüber dem Löschen von Artikeln in der Wikipedia. Diese hat übrigens auch ein Begriffserklärung zu Inklusion, vielleicht klärt sie ja etwas auf: https://de.wikipedia.org/wiki/Inklusion_(Begriffsklärung)

  6. Alex Schestag sagt:

    Den Pluralis Majestatis hätt’s jetzt nicht gebraucht. 😉 Ja, und die Arier waren auch ein Nomadenvolk im 13. Jahrhundert in Asien. Dir sagt das Wörtchen „Kontext“ was? Dass wir hier nicht über Mineralogie und auch nicht über das Löschen von Wikipedia-Artikeln reden, sollte so offensichtlich sein, wie die Tatsache, dass jemand, der von „Ariern“ im Nationalsozioalismus redet, nicht das Nomadenvolk aus dem 13. Jahrhundert meint. Und dass „im Bezug zum Verschaffen von Arbeit für Menschen, die eigentlich zu allem unfähig sind, genauso“ von Inklusion geredet wird, passiert aber nur in deiner Vorstellung. Und das kommt daher, dass du ebenso den Begriff Inklusion in dem Kontext nicht verstanden hast. Was du meinst, wäre Integration. Inklusion macht die Vorannahme, dass jemand zu allem unfähig ist, erst gar nicht, sondern betont grade seine Stärken, die ohne Frage jeder Mensch hat, sowie die Wertschätzung als Individuum und schließt ihn so ein.

    Und danke für die Belehrung, aber ich brauche keine „Aufklärung“ zum Begriff Inklusion, schon gar nicht von Pseudolexika wie der Wikipedia. Dafür habe ich mich schon zu lange in der Behindertenpolitik insbesondere zu dem Thema engagiert. Aber in der Tat, für jemanden, der davon absolut keine Ahnung hat, sind die Artikel „Inklusion (Pädagogik)“ und „Inklusion (Soziologie)“ durchaus erhellend, denke ich. Also ruhig lesen, FDMS.

  7. FDMS sagt:

    Diejenigen die für die Einstellung von Innenminister Friedrich verantwortlich sind haben ihn wohl nicht gerade wegen seiner Unfähigkeit eingestellt, sondern eben gerade wegen seiner Stärken, die wohl auch er aufweisen kann.

    Soweit ich weiß werden im Zuge von Inklusion durchaus auch Menschen angestellt, die eine geringere Fachkompetenz als andere in dieser Position tätige aufweisen können, was natürlich nicht zur Bezeichnung dieser Menschen als „zu allem unfähig“ rechtfertigt. Da Friedrich jedoch eine Person öffentlichen Interesses ist und zudem keine offensichtliche Behinderung hat ist es in der Satire nicht unüblich, Menschen als „zu allem unfähig“ zu bezeichnen.

    Gerade weil du aktiv in der Behindertenpolitik tätig bist lag es für mich nahe, dass du die Möglichkeiten zur Bezeichnung als Inklusion abgesehen vom Bezug auf Behinderte nicht ausreichend beachtet hast.

  8. Alex Schestag sagt:

    „Soweit ich weiß werden im Zuge von Inklusion durchaus auch Menschen angestellt, die eine geringere Fachkompetenz als andere in dieser Position tätige aufweisen können“ – Nein. Es heißt immer „bei gleicher fachlicher Eignung …“.

    Deine Erklärungen hier zeigen sehr deutlich das tiefe Missverständnis, das offenbar in der Bevölkerung beim Begriff Inklusion herrscht. Das, was du beschreibst, ist alles, nur keine Inklusion. Jemanden trotz geringerer fachlicher Eignung einzustellen, weil er eine Behinderung hat, wäre das Gegenteil von Inklusion, weil Inklusion nicht bedeutet, jemanden nur wegen einer Behinderung zu bevorzugen. Gelegentlich sind mit Inklusion Nachteilsausgleiche verbunden, aber auch nur deswegen, weil noch nicht alle Nachteile beseitigt sind. Das hat aber nichts mit einer Bevorzugung zu tun. Inklusion ist in der Arbeitswelt vielmehr der Versuch, Menschen im ersten Arbeitsmarkt an einer Stelle unterzubringen, die ihren Fähigkeiten entspricht. Somit ist das gerade keine Inklusiion, jemanden auf eine Stelle zu setzen, für die er nicht geeignet ist.

  9. Christian Müller sagt:

    In folgendem Video wird alles relevante über Leute wie den Autor dieses Textes gesagt. http://www.youtube.com/watch?v=Z3SXHYzf7Lk

  10. Alex Schestag sagt:

    Mit der Meinung kann ich leben. Der Autor dieses Kommentars gehört halt zu einer egoistischen Spezies, für die jede Gesellschaftskritik Ausdruck von Moralaposteln ist, weil sie sich nicht damit auseinandersetzen wollen.

  11. Eberhard sagt:

    Hast Du denn mittlerweile eine Antwort von Oliver Welke erhalten, Alex?

    Hab mir übrigens die „heute show“ mittlerweile ansehen können, und bis auf den Aussetzer mit der Inklusion ist sie wieder klasse. Ich hab mich auf dem Boden gekringelt vor Lachen.

    Aber trotzdem, oder sogar gerade deswegen, sollte man bezüglich Deines Anliegens nicht locker lassen.

  12. FDMS sagt:

    Schwieriges Thema, sicher auch für die heute-show-Autoren. Danke für die Antworten.

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