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Gestern hat das EU-Parlament glücklicherweise in weiten Teilen den Fortbestand der Netzneutralität gesichert. Nun kommt dennoch Kritik an dem Entwurf auf. So kritisiert die Digitale Gesellschaft, dass der Entwurf „es ermöglicht, beliebte Online-Dienste wie etwa Plattformen für Video- und Musikstreaming aus dem offenen Internet auszugliedern und auf kostenpflichtige Spezialdienste auszulagern.“.

Das könnte beispielsweise den beliebten Videodienst Youtube betreffen. Für unzählige Webseitenbetreiber, die die Videos, mit der sie ihre Websites aufwerten, auf Youtube ausgelagert haben, weil für sie alleine der Traffic, den die Videos bei vielen Besuchern erzeugen, nicht finanzierbar wäre, wäre das eine Katastrophe. Wenn ihre Videos nicht mehr für alle Besucher verfügbar wären, sondern nur noch für Besucher, die für Youtube als Spezialdienst zahlen, ginge sehr viel Reichweite verloren. Ohne Frage, das wäre eine enorme Benachteiligung dieser Angebote.

Auf den ersten Blick iegt das Problem also an kommerziellen Diensten, die die Möglichkeit bekommen, ihr Angebot in einen Spezialdienst auszulagern, der nicht allen zur Verfügung steht. Aber ist das wirklich so? Ich meine nein. Das Problem ist seit Jahren hausgemacht und liegt darin, dass sich die Netzgemeinde blind auf kostenlose Angebote von monopolistischen Drittanbietern mit kommerziellen Absichten verlässt, ohne über Alternativen nachzudenken. Die Vorstellung und der Anspruch, dass deren Angebote auf ewig kostenlos und gleichzeitig frei und offen verfügbar sein müssten, ist, denkt man einmal genauer darüber nach, völlig absurd und heillos naiv. Dass bei einem kommerziellen Dienst immer die Gefahr besteht, dass er sein Geschäftsmodell zugunsten des Umsatzes und zuungunsten der Freiheit seiner User ändert, ist völlig normal und kann dem Dienst an sich auch nicht vorgeworfen werden. Man könnte die implizite Anspruchshaltung, dass das nicht passiert, auch als den Geburtsfehler des Web 2.0, des Web des User-generated Content, bezeichnen. Denn auf dieser Anspruchshaltung basiert ein nicht unerheblicher Teil des User-generated Content, den wir heute im Web finden.

Aber gibt es überhaupt Alternativen? Ja, die gibt es. Die Netzgemeinde ist aufgefordert, Netzneutralität nicht nur von der Politik einzufordern, sondern auch selber zu machen. Eigentlich wäre sie von Anfang an dazu aufgefordert gewesen, anstatt sich auf große Anbieter mit kommerziellen Absichten zu verlassen, um den oben genannten Geburtsfehler, der ihr jetzt auf die Füße zu fallen droht, erst gar nicht entstehen zu lassen.

Aber es ist nie zu spät. Es kann immer nochgelingen, Netzneutralität selber zu machen, wenn die, die das technische Know-how dafür besitzen, bereit sind, freie, gemeinschaftlich finanzierte, nicht kommerzielle und möglichst auch dezentrale Angebote zu schaffen, die die monopolistischen Drittanbieter ersetzen können. Im Bereich der sozialen Netzwerke gelingt das etwa mit Diaspora und Statusnet bereits, auch wenn die Userzahlen bisher gering sind. Und diese Angebote zeigen auch, dass Menschen bereit sind, sich für ein freies und neutrales Netz zu engagieren.

Nach demselben Prinzip wäre ein Videodienst vorstellbar, bei dem sich viele Menschen zu einer Art Genossenschaft zusammenschließen und einen dezentralen Dienst anbieten, auf den Webseitenbetreiber und alle, die das möchten, ihre Videos auslagern können. Es dürfte klar sein, dass das dann für die Anbieter der Videoinhalte nicht mehr vollständig kostenlos möglich wäre, aber die Kosten dürften sich in Grenzen halten. So wäre zum Beispiel vorstellbar, dass Seitenbetreiber einfach gegen einen kleinen monatlichen Beitrag Mitglied dieser Genossenschaft werden und so das freie Angebot mitfinanzieren. Wenn das viele tun, dürfte sich der Beitrag sehr in Grenzen halten. Auch für Menschen mit geringem Einkommen ließen sich so Lösungen finden, die es ihnen ermöglichen würden, ihre Inhalte frei zur Verfügung zu stellen.

Ohne Frage: An dieser Stelle ist ein Umdenken der Netz-Community gefragt. Und es ist sicher ein gewisser Preis zu zahlen, auch in harter Währung. Aber wenn wir ehrlich sind, handelt es sich an sich nur um den Preis, den wir eigentlich schon seit Jahren hätten zahlen müssen, um Netzneutralität wirklich zu gewährleisten – sprich: selber zu machen. Wir waren naiv, wenn wir glaubten, dass wir uns dabei auf kommerzielle monopolistische Drittanbieter verlassen können. Nun ist die Zeit für uns gekommen, unsere Comfort Zone zu verlassen und die Sache endlich selbst in die Hand zu nehmen. Lasst es uns anpacken und Netzneutralität selber machen! Wer macht mit?

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8 Kommentare auf “Netzneutralität selber machen”

  1. Eberhard sagt:

    Also erstens kann man auch bei Facebook Videos kostenlos hosten lassen; erst gestern hab ich wieder dort ein Video hochgeladen. (Weil ich Google und damit auch YouTube hasse, würde ich das nie nutzen). Und es gibt noch andere Anbieter wie Vimeo oder Twitter oder oder oder …

    Aber auch auf meinem eigenen Webspace kann man ohne Probleme Videos hochladen; ich habe eine Traffic-Flatrate. Bei Bedarf wende man sich vertrauensvoll an mich :p

  2. Alex Schestag sagt:

    Facebook, Twitter, teilweise auch Vimeo sind eben alles teilweise monopolistische Drittanbieter mit Gewinnabsichten. Es geht mir grade darum, von diesen wegzukommen, weil man das „kostenlos“ eben mit der Unsicherheit bezahlt, dass die Dienste von jetzt auf nachher die Verfügbarkeit der Inhalte einschränken können o. ä., und eine dezentrale, nicht kommerzielle und von den Usern selbstverwaltete Struktur aufzubauen. Wenn einzelne ihren Webspace dafür anbieten, ist das schön und gut, aber es braucht eben eine vernetzte, selbstverwaltete Struktur, damit nicht wieder Abhängigkeiten entstehen.

  3. Eberhard sagt:

    Na ja, das mit dem Mißtrauen gegenüber Großanbietern liest sich bei Dir genauso wie bei „Digitalcourage“ (FoeBud) aus Bielefeld. Ich hab früher auch so gedacht, aber ich habe diese Meinung (teilweise) hinter mir gelassen.

    Gerade kleine Anbieter werden doch viel häufiger die Verfügbarkeit der Inhalte einschränken, ganz einfach, weil sie pleite gehen. Das ist mir mit meinem Blog vor einigen Jahren selbst passiert, das war bei einem kleinen Anbieter und dann von heute auf morgen weg. Meinst Du, Facebook könnte sich so was erlauben? Ich glaube nicht. Daher sind meine Videos bei Facebook sicher, denke ich.

    Aber dennoch, wo immer möglich, hoste ich die Videos dennoch nicht bei Facebook, sondern auf meinem eigenen Server. Du meinst, es bräuchte eine vernetzte Struktur, damit keine „Abhängigkeiten“ entstehen. Ok, dann laß uns doch uns vernetzen. Ich nehme an, Du meinst damit eine Spiegelung meiner Videos auf Deinem Server und vice versa.

    Allerdings möchte ich dann kein Urheberrechtsanwalt sein, der dieses Netz aufdröseln soll. „Abhängigkeit“ hat den Vorteil der „Verantwortlichkeit“. Wenn ein Monopolist etwas für mich erledigt, hat das den großen Vorteil, daß ich weiß, wer im Zweifelsfall zu verklagen ist.

  4. Alex Schestag sagt:

    Ich meine damit ein grundsätzlich anderes Konzept, nämlich ein nicht kommerzielles dezentrales Netzwerk im Sinne einer von allen Teilnehmenden finanzierten Netzwerkstruktur. Das ist nicht vergleichbar mit einem kleinen zentralen Anbieter, und das Risiko, dass so ein Netzwerk komplett pleite geht, ist sehr gering, denn wenn ein Knoten wegfällt, etwa weil er seinen Beitrag nicht mehr bezahlen kann, kann das ab einer bestimmten Größe locker von anderen Knoten ausgeglichen werden. Dabei geht es nicht nur um Spiegelung der Inhalte, sondern vor allem auch um eine Aufteilung der Ressourcen, also des Traffics.
    Das Urheberrechtsproblem ist kein Argument. Große Netzwerke sind in der Regel auch erst in zweiter Linie für Urheberrechtsverletzungen verantwortlich. Verantwortlich ist auch da primär die Person, die die Inhalte hochlädt. Und die wäre auch bei einem verteilten Netzwerk ermittelbar.

  5. Eberhard sagt:

    Der Hoster haftet aber jedenfalls als Mitstörer, zumindest nach deutschem Recht. Sowohl bezüglich Urheberrecht, als auch, viel wichtiger, strafrechtlich. Ein jeder Teilnehmer eines dezentralen Netzwerks wäre also auch strafrechtlich verantwortlich.

    Erinnere Dich an den ehemaligen Deutschlandchef von CompuServe, Felix Somm, der vor 15 Jahren mal locker zu zwei Jahren Gefängnis (auf Bewährung) verurteilt wurde. Willst Du als Teilnehmer eines dezentrelen Hostingnetzwerks dieses Risiko wirklich eingehen?

    Das Urteil gegen Somm mag man kritisieren, es ist aber nun mal deutsches Recht. Ich übrigens kritisiere das Urteil gegen Somm höchstens, weil ich damals schon CompuServe Nutzer war (und auch heute noch bin), insofern hatte ich persönlich einen Schaden dadurch. Inhaltlich fand ich das Urteil damals in Ordnung.

  6. Alex Schestag sagt:

    Erstens wäre so ein Dienst kein Hosting, sondern ein Telemedienangebot. Da ist das mit der Mitstörerhaftung etwas anders. Zweitens tritt die Haftung erst ein, wenn a.) der Betreiber Kenntnis vom Verstoß hat und er b.) den Verstoß nicht beseitigt. Das Urteil gegen Somm ist, wie du richtig sagst, 15 Jahre alt, und beruhte auf einer damals noch überhaupt nicht geklärten Rechtslage. Mittlerweile gibt es eine höchstrichterliche Rechtsprechung zur Mitstörerhaftung, die die Bedingungen a.) und b.) festgelegt hat, bevor überhaupt eine zivil- und strafrechtliche Verfolgung möglich ist. Das ist also mittlerweile sehr entspannt. Ich würde dich bitten, hier nicht auf Grundlage eines Uralt-Urteils, das vor einer Klärung der Rechtslage gefällt wurde, faktenwidrig Panik zu schüren. Das ist unredlich. So ein Urteil wäre unter den Umständen heute eben nicht mehr möglich! Hinzu kommt, dass Somm in der Berufungsverhandlung freigesprochen wurde! Auch das unterschlägst du hier! Unredlich!

  7. Eberhard sagt:

    Tut mir leid, daß Somm in der Berufungsverhandlung freigesprochen wurde, habe ich nicht wissentlich unterschlagen, sondern schlicht nicht mitbekommen. Oder sagen wir es so, ich hab es wohl irgendwie doch mitbekommen, sonst hätte ich nicht fälschlicherweise geschrieben „zwei Jahre auf Bewährung“. Wie wir alle spätestens seit Uli H. wissen, gibt es bei einer so langen Haftstrafe keine Bewährung mehr.

    Aber zurück zur Grundfrage: wenn Du ein dezentrales Netzwerk aufbaust, wie regelst Du dann die von Dir selbst angesprochenen Punkte a) und b)? Im Zweifel potenzierst Du den Prüf- und Beseitigungsaufwand aller Teilnehmer dieses Netzwerks. Ich halte das für sehr schwer durchführbar, fast unmöglich.

  8. Alex Schestag sagt:

    Doch, exakt bis zwei Jahre ist Bewährung möglich.

    Zur Grundfrage: Das ist doch ganz einfach. Wenn alle untereinander kommunizieren können, wird eben allen mitgeteilt, dass das betroffene Video zu entfernen ist. Im Zweifelsfalle muss ein Rechteinhaber oder Strafverfolger dann nachweisen, ob jemand und wer dem nicht nachgekommen ist. Da es keine zentrale Instanz gibt, kann auch keine haftbar gemacht werden. Pauschal alle haftbar machen kann man auch nicht, wenn es Mechanismen gibt, die z. B. die erneute Spiegelung eines Videos in so einem Fall verhindern.

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