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Der Philosoph René Descartes hat 1641 den berühmten Satz „cogito ergo sum“, zu Deutsch „Ich denke, also bin ich“, zum Grundsatz seiner Philosophie des Geistes erhoben. Er schreibt in seinen Meditationes de prima philosophia „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“. Für Descartes ist also das eigene Denken und auch der Zweifel ein unumstößlicher Beleg für die eigene Existenz.

Auch in unserer Informations- und Kommunikationsgesellschaft sollte das eigentlich nicht anders sein. Im Gegenteil. Das Internet bietet uns nie dagewesene Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen. Auf der anderen Seite wächst damit auch die Zahl der Quellen unterschiedlichster Qualität, aus denen wir Informationen beziehen, ins Unermessliche. Das stellt uns und unser Denken aber auch vor größere Herausforderungen. Informationen müssen gefiltert und bewertet werden. Es reicht nicht mehr, Information einfach zu konsumieren und zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen vermehrt selbst denken, um die Zuverlässigkeit von Informationen bewerten zu können. Oder besser: Wir sollten es tun. Doch bestimmte Entwicklungen im Netz weisen eher in eine andere Richtung.

Denn wenn man die Entwicklung vor allem in den sozialen Netzwerken genauer verfolgt, so bemerkt man, dass der Trend vielmehr dahin geht, uns das Denken abzunehmen. Zwei Beispiele sollen das illustrieren.

So gibt es dort Angebote, die User vor jeder Gefahr wie betrügerischen Angeboten oder Trojanern warnen, aber ohne sie anzuleiten, selbst zu denken und Gefahren anhand allgemein gültiger Kriterien zu identifizieren. An die Stelle der Hilfe zur Selbsthilfe tritt eine Art Full-Service-Gefahrenwarnung.

Die neueste Entwicklung in diesem Trend, den Usern das Denken abzunehmen, ist Facebooks Vorhaben, Satire auf Facebook als solche zu kennzeichnen. Bei US-amerikanischer Satire wird dieses Vorgehen derzeit bereits getestet.

Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Beispiele, die die Tendenz von Anbietern im Netz verdeutlichen, uns das Denken abnehmen zu wollen. Dazu gehören für mich auch Filter auf Grundlage zuvor wahrgenommener Informationen wie auf Facebook und personalisierte Suchen, die uns nur das präsentieren, was uns – scheinbar – interessiert, so dass uns Informationen, die darüber hinausgehen, verborgen bleiben.

Man kann also konstatieren, dass aus dem Desarteschen „cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich – in den sozialen Netzwerken offenbar ein „curo cogitandum ergo sum“ – ich lasse denken, also bin ich – geworden ist. Wir sollen uns zunehmend auf Anbieter verlassen, die uns vor Gefahren warnen oder Informationen für uns kategorisieren, einordnen und vorfiltern.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass es unmöglich ist, die Vielzahl von Informationen, mit denen wir im Netz konfrontiert werden, in einem vernünftigen Zeitrahmen selbst zu bewerten, zu prüfen und einzuordnen. Das ist sicher auch richtig.

Aber besteht die Lösung für dieses Problem wirklich darin, vermehrt andere – meist große Anbieter wie Google oder Facebook, aber auch kleinere Firmen, die derartige Dienstleistungen anbieten – diese Bewertung, Prüfung und Einordnung vornehmen zu lassen? Ich meine nein. Vielmehr schafft das neue Probleme.

Denn zum einen scheint dadurch die Fähigkeit, Informationen selbst zu bewerten und die Qualität der Quelle zu beurteilen, bei den meisten Usern noch weniger ausgeprägt als sie ohnehin zuvor schon war. Ich erlebe tagtäglich, welch ein Unsinn in sozialen Netzwerken völlig unhinterfragt geteilt wird, wenn man User nicht zuvor darauf hinweist, dass es Unsinn ist. Jede Information wird unkritisch übernommen und weiterverbreitet, vor allem dann, wenn sie ins eigene Weltbild passt.

Eine weitere, eng damit zusammenhängende Gefahr, die vom „curo cogitandum ergo sum“ ausgeht, liegt darin, dass wir den Institutionen, denen wir das Denken überlassen, damit die Möglichkeit geben, unser Weltbild, unser Denken und unser Handeln zu beeinflussen. Konzerne und andere Institutionen – welche dafür prädestiniert sind, kann sich dank Snowden sicherlich mittlerweile jeder denken – können so Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen und Politik machen. In diesem Lichte ist auch Facebooks Ansinnen, Satire als solche zu kennzeichnen, gefährlich. Denn Satire will uns dadurch, dass wir sie – hoffentlich – selbständig erkennen, gerade auf den Umstand aufmerksam machen, dass wir selbst denken müssen, wollen wir uns unser Weltbild nicht komplett von anderen oktroyieren lassen. Es passt ins Bild, dass Facebook uns auch diese Selbständigkeit nehmen will. Ist es da zu weit hergeholt, wenn ich den Verdacht hege, dass Facebook damit nicht unser Wohl im Sinne hat, sondern uns auch noch dieses Stückchen unseres eigenständigen Denkens nehmen will?

Zu guter Letzt nehmen wir uns mit dem „curo cogitandum ergo sum“ aber auch selbst wertvolle Erfahrungen. Indem wir uns alles von anderen vorkauen lassen, verlernen wir, die Welt mit eigenen Sinnen wahrzunehmen. Es geht ein Stück des Seins, des „sum“, verloren, wenn wir uns gar keine eigenen Gedanken um Dinge machen. Mancher mag das als bequem empfinden. Mir ist es nicht nur zuwider, mich langweilt es auch. Wenn ich beim denken lassen angekommen bin, bin ich nicht mehr. Weil ich nicht mehr ich bin. Ich möchte diesen Weg nicht gehen. Ich möchte weiter selbst denken und vor allem auch zweifeln dürfen an dem, was man man mir einzureden versucht. Und ich werde dafür einstehen, dass ich das auch zukünftig noch kann.

Aber kann das angesichts er Informationsflut überhaupt ohne externe Filter gehen? Ja, es geht. Dafür ist es natürlich nötig, eigene „Filter“ einzusetzen. Das Tolle ist, dass ein solcher Filter in unser kognitives System von vornherein eingebaut ist. Wir haben die Fähigkeit, Informationen zu kategorisieren und einzuordnen, aber auch aufgrund von Vorerfahrungen als irrelevant und unzuverlässig auszufiltern, zumindest teilweise von Geburt an mitbekommen und können sie durch Lernen auch noch ausbauen. Die Lösung des Problems kann also nur darin liegen, dass wir vermehrt wieder diesen fest in unseren Verstand eingebauten Filter verwenden, anstatt uns nur noch auf externe Filter zu verlassen.

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8 Kommentare auf “Die Informationsgesellschaft im Wandel vom „cogito ergo sum“ zum „curo cogitandum ergo sum“”

  1. Thomas Luzat sagt:

    Größtenteils kann ich dem zustimmen, aber ich bezweifle, dass der Geist je mehr genutzt wurde. Der mündige Mensch ist immer eine Randerscheinung gewesen und wird es mangels evolutionären Zwanges wohl auch bleiben, trotz der aufklärerischen Kantschen Sapere-Aude-Interpretation: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

  2. Alex Schestag sagt:

    Das ist eine sehr pessimistische Sicht, mit der du jedoch durchaus Recht haben könntest. Ist aber das Netz nicht grade ein Ort, an dem sich das ändern könnte und an dem sich das durchaus auch schon geändert hat? Dadurch, dass man beispielsweise bloggen kann, halten so viele Menschen wie nie zuvor ihre Gedanken fest, machen sich Gedanken, denken eigenständig. Klar, im Vergleich zur Anzahl der User sozialer Netzwerke sind es immer noch relativ wenige, vielleicht sogar ein Randphänomen. Aber ein Randphänomen, das mir doch irgendwo noch Hoffnung macht …

  3. Atari-Frosch sagt:

    Ich glaube, Thomas‘ Ansicht greift zu kurz. Das Problem beginnt m.E. in der Kindheit:

    In der Grundschule wird die unstillbare Neugier des normalen Kindes und seine überschießende körperliche Energie gezügelt und, wenn möglich, erstickt.
    [Carl A. Rogers, Psychologe]

    Wenn wir daraufhin sozialisiert werden, daß Autoritäten immer recht und die anderen das zu glauben und diesen zu gehorchen haben, werden sich die meisten Menschen auch entsprechend entwickeln. Dann wird eben geglaubt, was tatsächliche, aber auch was scheinbare Autoritäten (wie Google) erzählen oder auch „uns vorkauen“. Es bleiben nur diejenigen als „Randgruppe“ übrig, die von sich aus gegen diese Autoritäten zumindest ein Stück weit quasi immun sind, von sich aus kritisch denken oder durch ein Elternhaus (oder auch durch andere Menschen) ein anderes Vorbild bekommen. Das ist aber zumindest meiner Erfahrung nach nicht der Standard.

    Das heißt, es wäre die Sache unseres Bildungs- und Erziehungssystems, selbständig denkende Menschen zu produzieren. Es scheint aber, daß das gewissen Leuten mit viel Einfluß (ja ich weiß, klingt nach VT) nicht paßt: Wer widerspricht statt zu gehorchen, wer sich auflehnt statt zu funktionieren, der könnte ja mal zum Störfaktor werden. Die Bequemlichkeit kommt also erstmal „von oben“ und pflanzt sich quasi über die Generationen fort.

    Daher liegt es an uns bzw. an der (von uns gewählten) Politik, das Bildungs- und Erziehungssystem dahingehend zu ändern, daß dieser Kreislauf durchbrochen wird, die extreme Autoritätshörigkeit aufhört und selbständiges Denken gefördert und nicht unterdrückt wird. Den Mut oder auch nur den Willen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, muß man frühzeitig lernen.

    Lutz Donnerhacke sagte mal in einem Interview: „Das Netz ist ein Spiegel der Gesellschaft. Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“ Die Masse an Informationen im Netz nützt dem, der nie gelernt hat, zu filtern und selbständig nachzudenken, gar nichts. Wer das nie gelernt hat, dem nützt schon der Inhalt einer einzigen Tageszeitung nichts.

  4. Thomas Luzat sagt:

    Meine Vermutung: Wenn eine kritische Masse erreicht wird kann der mündige – und damit reflektiert filternde – Mensch Norm werden. Der Weg dahin ist noch offen. Wir haben die Aufklärung nicht hinter uns, sondern sind mitten drin. Leicht ist Mündigkeit nicht zu erreichen, der Mensch ist manipulierbar und hat in vielerlei Hinsicht keinen freien Willen; eine „selbstverschuldete“ Unmündigkeit findet daher im Allgemeinen unter mildernden Umständen statt …

    Prognosen zu treffen ist allerdings wenig hilfreich: Wir können entweder aufgeben und damit unter anderem den modernen Demokratiegedanken zu Grabe tragen oder – selbst falls wir kaum über den Status quo hinauskommen – noch größere gesellschaftliche Fortschritte machen. Auf dem Weg dahin wird uns die Technik – zumindest gegenüber dem Geist – meiner Erwartung nach auch eher Helfer als Feind sein.

  5. Alex Schestag sagt:

    Ihr habt beide Recht. Aber sowas von! Und ich stimme Thomas zu, dass die Technik uns da helfen sollte. Aber nicht nur als Technik, sondern auch als Sozialraum. Ganz im Sinne der alten Vorstellung vom Netz als Freiraum.

  6. Alex Schestag sagt:

    Ach ja, Frosch, eins würde mich noch interessieren. Was sind denn für dich „tatsächliche Autoritäten“? Gibt’s die überhaupt? Ich wage mal provokant zu behaupten: Nein.

  7. Atari-Frosch sagt:

    @Alex: Nicht Autoritäten im Sinne von „dem hat man zu gehorchen“ bzw. „der darf Befehle erteilen“, nein. Wohl aber Wissens-Autoritäten: Leute, die schon bewiesen haben, daß sie ihr Fachgebiet wirklich gut beherrschen und ihre Aussagen einer Überprüfung üblicherweise standhalten. Die müssen dann im allgemeinen eben nicht einfordern, daß man auf sie hört, sondern man weiß, daß man auf sie hören kann, weil das, was sie sagen, Hand und Fuß hat.

    Wenn, mal so als Beispiel, Jake Appelbaum sagt, er habe eine bestimmte Verschlüsselungs- oder Anonymisierungssoftware geprüft und die sei sauber, dann glaube ich ihm das unbesehen – so lange, bis jemand die Aussage nachprüfbar angreift.

  8. Alex Schestag sagt:

    „Die müssen dann im allgemeinen eben nicht einfordern, daß man auf sie hört, sondern man weiß, daß man auf sie hören kann, weil das, was sie sagen, Hand und Fuß hat.“ – Von dem Irrglauben, dass es solche Leute gäbe, wird man ganz schnell befreit, wenn man mal einige wissenschaftliche Publikationen solcher „Wissens-Autoritäten“ liest. Wir haben das mal in einem Seminar mit dem Hintergrund gemacht, kritisch zu prüfen, ob die Autoren wirklich wissenschaftlich sauber gearbeitet haben. Die Resultate waren teils grauenhaft. Da steckte der Teufel nicht mal im Detail, sondern es wurden schlicht gravierende Anfängerfehler gemacht – die dann offenbar auch noch den Reviewern des Journals durch die Lappen gegangen sind; vielleicht weil sie selbst davon ausgingen, dass das Wissens-Autoritäten sind, die schon wissen, was sie tun, und bei denen man nicht so genau hinschauen muss. Spätestens seit diesem Seminar gibt es für mich auch keine Wissens-Autoritäten mehr, von denen ich glaube, dass ich „auf sie hören kann, weil das, was sie sagen, Hand und Fuß hat“, ohne das, was sie sagen, einer genaueren eigenen Prüfung zu unterziehen. Das ist aufwendig und sicher nicht immer möglich, weil es sich auch nicht immer lohnt. Aber wenn man sich auf ihre Aussagen verlassen will, ist es nötig. Denn sonst ist man wieder beim „ich lasse denken, also bin ich“.

    Kurz: Die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Autoritäten kann man m. E. nicht treffen. Auch Autoritäten sind immer zu hinterfragen. Schon aus dem simplen Grund, dass auch Autoritäten letztendlich nur Menschen sind und Fehler machen. Auch Jake. 😉 Denn grade im Security-Bereich ist es hochproblematisch, einer sogenannten Autorität etwas unbesehen zu glauben. Ich weiß, dass man auch da nicht alles selbst prüfen kann. Aber man kann mehrere Meinungen einholen.

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