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In den letzten Jahren wurden die Begriffe „Digital Natives“ für Menschen, die in der digitalen Welt und mit dem Netz aufgewachsen sind und aufwachsen, und „Digital Immigrants“ für Menschen, die die digitale Welt erst im Erwachsenenalter kennengelernt haben, geprägt. Damit sind alle jüngeren Menschen, die zu einer Zeit geboren wurden, als das die digitale Welt und das Netz schon populär waren, digitale Ureinwohner, während alle, die früher geboren wurden und so das Netz erst im Erwachsenenalter kennengelernt haben, digitale Einwanderer.

Ich finde diese Definition extrem kritisch, dreht sie doch die Bedeutung Einwanderern und Ureinwohnern um. Sie geht offenbar ganz selbstverständlich davon aus, dass ältere Menschen auch erst in die digitale Welt gekommen sind, nachdem sie populär geworden war. Aber das stimmt nicht. Viele ältere Menschen haben die Anfänge des dieser Welt und des Netzes vielmehr mitgeprägt, auch wenn sie damals schon Erwachsene waren. Ohne sie gäbe es das Digitale und das Netz, wie wir es heute kennen und wie es die sogenannten „Digital Natives“ so gerne nutzen, gar nicht. Tim Berners-Lee beispielsweise einen „Digital Immigrant“ zu nennen, wäre eine Verdrehung der Geschichte. Gleiches gilt sicherlich für Menschen wie Wau Holland. Seine Bedeutung für das Verständnis des Internet und der digitalen Welt ist kaum hoch genug zu schätzen. Er war sicherlich kein „Digital Immigrant“, sondern ganz sicher ein „Digital Native“.

Aber auch weniger berühmte Menschen wie ich, die seit Jahrzehnten mit Computern zu tun haben und im Netz aktiv sind, haben eine viel längere digitale Geschichte als Jugendliche, die heute mit dem Netz aufwachsen, auch wenn wir mit all dem vielleicht erst im späten Jugendlichen- oder frühen Erwachsenenalter in Berührung gekommen sind. Ich kenne Menschen, die schon vor Jahrzehnten Netzjargon geprägt haben, auch wenn sie damals schon Erwachsene waren.

Meines Erachtens sollte man bei der Frage, wer ein Digital Native und wer ein Digital Immigrant ist, nicht darauf schauen, in welchem Alter jemand mit der digitalen Welt und dem Netz in Berührung gekommen ist, sondern wie lange diese Welt schon ein Teil der Geschichte einer Person ist und wie intensiv und lange sie das Digitale das Netz vielleicht schon mitgeprägt hat. Und dann stellt man schnell fest: Viele von uns sind die wahren Digital Natives. Wir waren schon digital und im Netz unterwegs, als noch niemand davon sprach. Wir haben dort schon vor Jahrzehnten Spuren hinterlassen, die man heute noch sehen kann und die Netzarchäologen vielleicht irgendwann „ausgraben“ werden. Wir sind, auch wenn wir damals schon Erwachsene waren, die frühen Siedler in dieser Welt, manche von uns sogar die ersten. Danach sind ohne Frage auch viele im Erwachsenenalter eingewandert, und heute werden viele in diese Welt hineingeboren. Aber die ersten Erwachsenen in der digitalen Welt von damals sind die wahren digitalen Ureinwohnern.

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2 Kommentare auf “Von Ureinwohnern und Einwanderern – eine Kritik”

  1. Atari-Frosch sagt:

    Wo hast Du denn die Definition her? Ich kenne da nur die (IMO korrekte) Definition der „Natives“, die das Netz verstanden haben, und der „Immigrants“, die, ähm, ja noch üben müssen – oder es gar nicht so genau wissen wollen. Und das alles völlig altersunabhängig. Denn auch unter den heutigen Teenagern gehören leider viele eher zu den „Immigrants“, sie klicken nur auf bunten Oberflächen herum, aber wie ihre Daten von A nach B kommen, haben die meisten nicht verstanden.

  2. Alex Schestag sagt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Native sieht das ein wenig anders. Zitat:

    „Als digital natives (deutsch: „digitale Ureinwohner“) werden Personen bezeichnet, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind.[1] Als Antonym existiert der Begriff des digital immigrant (deutsch: „digitaler Einwanderer“[2] oder „digitaler Immigrant“) für jemanden, der diese Welt erst im Erwachsenenalter kennengelernt hat.“

    In dem dort als Quelle genannten Artikel „Digital Natives, Digital Immigrants“ auf http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf wird das auch so definiert. Aber der Autor begeht genau den Fehler, den ich in meinem Artikel beschrieben habe, dass er nur die, die das Netz als Erwachsene kennenlernten, als es schon längst durch die frühe Generation geprägt war, berücksichtigt, wenn er schreibt „So what does that make the rest of us? Those of us who were not born into the digital world but have, at some later point in our lives, become fascinated by and adopted many or most aspects of the new technology are, and always will be compared to them, Digital Immigrants.“.

    Ich teile da natürlich deine Definition. Vielleicht gab es die früher auch mal. Aber sie ist nicht mehr gängig.

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