Vom Aktivismus zum Hacktivismus

Eben habe ich einen sehr interessanten Artikel über die Gentrifizierung der Hackerkultur gelesen. Der Autor versteht unter Gentrifizierung hier eine Entkernung des Hackens von seinem ursprünglichen Ziel, Konventionen zu sprengen, hin zu einer Lösungsorientierung für den Profit. Auch auf die von mir schon öfter kritisierte Umdeutung von Hackern durch die Medien als böse Kriminelle geht er ein.

In diesem Fall hat jedoch ein Nebenaspekt, den er anspricht, meine Aufmerksamkeit erregt. Scott diskutiert in einigen kurzen Absätzen die Unterschiede zwischen Aktivisten und Hackern. Er beschreibt die Erfahrung, dass Aktivisten, die ein System verändern wollen, sich meist daran aufreiben, was oft auch am Machtgefälle zwischen Aktivisten und denen, die sie bekämpfen, liegt. Das Ergebnis ist eine Demoralisierung der Aktivisten und ein Gefühl der Unfähigkeit, das System verändern zu können.

Ich kenne dieses Gefühl als Aktivist in der Anti-Überwachungs-Bewegung sehr gut. Seit vielen Jahren bin ich bei Demonstrationen als Teilnehmer dabei, und seit über zwei Jahren bin ich auch als Organisator sehr aktiv. Leider habe ich das Gefühl, dass wir nur wenig bis nichts erreicht haben. Wir sind mehr oder minder unter uns geblieben, ohne dass es uns gelungen ist, die breite Masse für das Thema zu mobilisieren. Die Problematik ist nicht in der Mitte der Bevölkerung angekommen.

Erst in den letzten Wochen hat das Thema eine breitere Aufmerksamkeit sowohl in der Presse, wie auch bei weniger netz-affinen Menschen bekommen, nämlich durch die Ermittlungen gegen die Journalisten von netzpolitik.org wegen Landesverrats. Sie hatten unter anderem Informationen über die Aufstockung des BND-Etats veröffentlicht, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Im Mittelpunkt der Aufregung standen dabei weniger die Informationen selbst, die sie schon Monate vorher veröffentlicht hatten und die lediglich innerhalb der Aktivisten für Aufregung gesorgt hatten, sondern der Vorgang, dass investigative Journalisten, die die Öffentlichkeit über Vorgänge aufklären, sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert sahen.

Ich muss offen zugeben, dieser Vorgang hat dem Thema mehr Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit gebracht als alle unsere Proteste und Aktionen in den letzten zwei Jahren zusammen.

Und genau an diesem Punkt setzt Scotts Differenzierung zwischen Aktivisten und Hackern an. Während Aktivisten das System meist direkt angreifen und dagegen opponieren, spezialisieren sich Hacker auf das Abweichen von etablierten Grenzen. Ihre Neugierde führt sie dazu, Dinge zu sehen, die sie nach gängigen Konventionen nicht sehen sollten, und Orte aufzusuchen, an denen sie nicht sein sollten. Dabei modifizieren Hacker, so Scott, das System so, dass es sich selbst zerstört, oder öffnen es für alle, die darauf eigentlich keinen Zugriff haben sollten. Es gebe eine Trennung zwischen gut organisierten aktiven Insidern gegenüber Outsidern. Hacker durchbrächen diese Grenze, indem sie in das System einbrechen oder indem sie die Abgrenzung zwischen jenen, die Zugang haben und jenen, die keinen haben, neu definierten. Scott betont, dass es sich dabei nicht um Computersysteme handeln muss, sondern beispielsweise auch gesellschaftliche Systeme in diesem Sinn gehackt werden können.

Genau das hat netzpolitik.org getan. Mit ihrem investigativen Journalismus haben sie uns Informationen geliefert, in die uns normalerweise der Einblick verwehrt wäre. Die Wirkung auf das System entstand dabei weniger durch die Informationen selbst, als durch den Vorgang, dass sie mit der Veröffentlichung wie von Scott beschrieben die Grenze zwischen jenen, die Zugang haben und jenen, die keinen haben, neu definierten.

Die Reaktion des Systems auf ihr Handeln hat das System in eine handfeste Krise gestürzt, die bisher einer Person die Stellung gekostet hat und die damit möglicherweise noch nicht beendet ist. Es bleibt abzuwarten, ob es zu weiteren Folgen für das System kommt. Fest steht jedoch: Die Journalisten von netzpolitik.org haben durch ihren Hack das System erfolgreicher angegriffen als wir Aktivisten mit unseren offenen Protestformen.

Was folgt daraus nun für den Aktivismus gegen das Überwachungssystem? Ich glaube zwar nach wie vor, dass wir auch offenen Aktivismus brauchen. Aber vielleicht hat Scott ja Recht? Vielleicht müssen wir erst immer wieder das System hacken, indem wir Grenzen verschieben, indem wir uns Dinge anschauen und uns so in Angelegenheiten einmischen, die uns nach Auffassung der Vertreter des Überwachungssystems nichts angehen, die uns aber sehr wohl etwas angehen sollten?

Vielleicht gelingt es uns mit solchen Hacks noch öfter, mehr Aufmerksamkeit für unsere Anliegen zu bekommen. Wenn wir dann diese Aufmerksamkeit in Aktivismus umsetzen, wie es auch die Protestaktionen im Zuge der Landesverrats-Ermittlungen gegen netzpolitik.org getan haben, die für ihre spontane Organisation im Vergleich zu anderen Protesten erstaunlich viele Teilnehmer angezogen haben, dann können wir etwas erreichen. Vom Aktivismus zum Hacktivismus – im Sinne einer Kombination von Hacks und Aktivismus – muss die Devise sein.

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Die Bundesjugendspiele sind nicht das Problem

Derzeit wird eine Petition in vielen Medien und sozialen Netzwerken heiß diskutiert, die die Abschaffung der Bundesjugendspiele fordert. In der Petition heißt es:

„Die Bundesjugendspiele sind nicht mehr zeitgemäß: Der Zwang zur Teilnahme und der starke Wettkampfcharakter sorgen bei vielen Schülern für das Gefühl, vor der Peergroup gedemütigt zu werden.“

Ich halte die Begründung für problematisch. Warum sind die Bundesjugendspiele nicht mehr zeitgemäß? Sind es wirklich der Zwang zur Teilnahme und der starke Wettkampfcharakter, die demütigend sind? Oder ist es nicht viel mehr der gesellschaftliche Umgang mit unterschiedlicher Leistung? Die Bundesjugendspiele sind meiner Ansicht nach nur ein Symptom. Dass wir mittlerweile eine Gesellschaft haben, die die demütigt und verspottet, die vermeintlich schlechtere oder schlechte Leistungen bringen, anstatt – und das geht auch mit Wettkampfcharakter – anzuerkennen, dass Menschen eine persönliche Leistung erbracht haben, die Respekt verdient, ist das eigentliche Problem. Und darüber müssen wir eine generelle Debatte führen, die wir nicht durch die Abschaffung einer Sportveranstaltung ersetzen können. Das löst das Problem nicht.

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Von Ureinwohnern und Einwanderern – eine Kritik

In den letzten Jahren wurden die Begriffe „Digital Natives“ für Menschen, die in der digitalen Welt und mit dem Netz aufgewachsen sind und aufwachsen, und „Digital Immigrants“ für Menschen, die die digitale Welt erst im Erwachsenenalter kennengelernt haben, geprägt. Damit sind alle jüngeren Menschen, die zu einer Zeit geboren wurden, als das die digitale Welt und das Netz schon populär waren, digitale Ureinwohner, während alle, die früher geboren wurden und so das Netz erst im Erwachsenenalter kennengelernt haben, digitale Einwanderer.

Ich finde diese Definition extrem kritisch, dreht sie doch die Bedeutung Einwanderern und Ureinwohnern um. Sie geht offenbar ganz selbstverständlich davon aus, dass ältere Menschen auch erst in die digitale Welt gekommen sind, nachdem sie populär geworden war. Aber das stimmt nicht. Viele ältere Menschen haben die Anfänge des dieser Welt und des Netzes vielmehr mitgeprägt, auch wenn sie damals schon Erwachsene waren. Ohne sie gäbe es das Digitale und das Netz, wie wir es heute kennen und wie es die sogenannten „Digital Natives“ so gerne nutzen, gar nicht. Tim Berners-Lee beispielsweise einen „Digital Immigrant“ zu nennen, wäre eine Verdrehung der Geschichte. Gleiches gilt sicherlich für Menschen wie Wau Holland. Seine Bedeutung für das Verständnis des Internet und der digitalen Welt ist kaum hoch genug zu schätzen. Er war sicherlich kein „Digital Immigrant“, sondern ganz sicher ein „Digital Native“.

Aber auch weniger berühmte Menschen wie ich, die seit Jahrzehnten mit Computern zu tun haben und im Netz aktiv sind, haben eine viel längere digitale Geschichte als Jugendliche, die heute mit dem Netz aufwachsen, auch wenn wir mit all dem vielleicht erst im späten Jugendlichen- oder frühen Erwachsenenalter in Berührung gekommen sind. Ich kenne Menschen, die schon vor Jahrzehnten Netzjargon geprägt haben, auch wenn sie damals schon Erwachsene waren.

Meines Erachtens sollte man bei der Frage, wer ein Digital Native und wer ein Digital Immigrant ist, nicht darauf schauen, in welchem Alter jemand mit der digitalen Welt und dem Netz in Berührung gekommen ist, sondern wie lange diese Welt schon ein Teil der Geschichte einer Person ist und wie intensiv und lange sie das Digitale das Netz vielleicht schon mitgeprägt hat. Und dann stellt man schnell fest: Viele von uns sind die wahren Digital Natives. Wir waren schon digital und im Netz unterwegs, als noch niemand davon sprach. Wir haben dort schon vor Jahrzehnten Spuren hinterlassen, die man heute noch sehen kann und die Netzarchäologen vielleicht irgendwann „ausgraben“ werden. Wir sind, auch wenn wir damals schon Erwachsene waren, die frühen Siedler in dieser Welt, manche von uns sogar die ersten. Danach sind ohne Frage auch viele im Erwachsenenalter eingewandert, und heute werden viele in diese Welt hineingeboren. Aber die ersten Erwachsenen in der digitalen Welt von damals sind die wahren digitalen Ureinwohnern.

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Die Sache mit Pegida und der Eigenverantwortlichkeit

Ich höre derzeit immer wieder die Entschuldigung, nicht alle, die bei Pegida mitlaufen, seien rechts, nicht allen ginge es um die Islamisierung, und die Leute hätten doch nur Ängste, die die Politiker nicht ernst nähmen. Dazu eine klare Ansage:

Menschen sind für ihr Tun verantwortlich. Wem sie hinterherlaufen, das haben die Menschen in der Hand. Sie könnten ihren Sorgen anders Ausdruck verleihen, als einer solchen Bewegung hinterherzulaufen. Dann zu erwarten, dass man sie nicht da einordnet, wo sie hinterherlaufen, ist ein „wasch mich, aber mach mich nicht nass!“, das ich nicht mittrage. Ich bezeichne Menschen, die Pegida hinterherlaufen, als rechts. Punkt.

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Massenüberwachung funktioniert nicht

Der heutige Tag zeigt leider wieder einmal grausam eindrücklich: Massenüberwachung stoppt keine Terroristen. Ich erwarte jetzt von unseren Politikern, den nach solchen Ereignissen üblichen Beißreflex, Massenüberwachung noch weiter ausdehnen und verschärfen zu wollen, unter Kontrolle zu halten und sich stattdessen endlich der Debatte über eine Abschaffung der Massenüberwachung zu stellen.

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Böses Yahoo!!11einself

Wieder mal ein zieht ein Drittanbieter seine User über den Tisch! Yahoo! hat nach dem Kauf von Flickr begonnen, Poster von Bildern zu verkaufen, die User hochgeladen haben. Laut Aussagen von Usern kam das völlig überraschend. Die Empörung ist gigantisch! Weiterlesen Böses Yahoo!!11einself

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Die Informationsgesellschaft im Wandel vom „cogito ergo sum“ zum „curo cogitandum ergo sum“

Der Philosoph René Descartes hat 1641 den berühmten Satz „cogito ergo sum“, zu Deutsch „Ich denke, also bin ich“, zum Grundsatz seiner Philosophie des Geistes erhoben. Er schreibt in seinen Meditationes de prima philosophia „Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“. Für Descartes ist also das eigene Denken und auch der Zweifel ein unumstößlicher Beleg für die eigene Existenz.

Auch in unserer Informations- und Kommunikationsgesellschaft sollte das eigentlich nicht anders sein. Im Gegenteil. Das Internet bietet uns nie dagewesene Möglichkeiten, an Informationen zu gelangen. Auf der anderen Seite wächst damit auch die Zahl der Quellen unterschiedlichster Qualität, aus denen wir Informationen beziehen, ins Unermessliche. Das stellt uns und unser Denken aber auch vor größere Herausforderungen. Informationen müssen gefiltert und bewertet werden. Es reicht nicht mehr, Information einfach zu konsumieren und zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen vermehrt selbst denken, um die Zuverlässigkeit von Informationen bewerten zu können. Oder besser: Wir sollten es tun. Doch bestimmte Entwicklungen im Netz weisen eher in eine andere Richtung.

Denn wenn man die Entwicklung vor allem in den sozialen Netzwerken genauer verfolgt, so bemerkt man, dass der Trend vielmehr dahin geht, uns das Denken abzunehmen. Zwei Beispiele sollen das illustrieren.

So gibt es dort Angebote, die User vor jeder Gefahr wie betrügerischen Angeboten oder Trojanern warnen, aber ohne sie anzuleiten, selbst zu denken und Gefahren anhand allgemein gültiger Kriterien zu identifizieren. An die Stelle der Hilfe zur Selbsthilfe tritt eine Art Full-Service-Gefahrenwarnung.

Die neueste Entwicklung in diesem Trend, den Usern das Denken abzunehmen, ist Facebooks Vorhaben, Satire auf Facebook als solche zu kennzeichnen. Bei US-amerikanischer Satire wird dieses Vorgehen derzeit bereits getestet.

Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Beispiele, die die Tendenz von Anbietern im Netz verdeutlichen, uns das Denken abnehmen zu wollen. Dazu gehören für mich auch Filter auf Grundlage zuvor wahrgenommener Informationen wie auf Facebook und personalisierte Suchen, die uns nur das präsentieren, was uns – scheinbar – interessiert, so dass uns Informationen, die darüber hinausgehen, verborgen bleiben.

Man kann also konstatieren, dass aus dem Desarteschen „cogito ergo sum“ – ich denke, also bin ich – in den sozialen Netzwerken offenbar ein „curo cogitandum ergo sum“ – ich lasse denken, also bin ich – geworden ist. Wir sollen uns zunehmend auf Anbieter verlassen, die uns vor Gefahren warnen oder Informationen für uns kategorisieren, einordnen und vorfiltern.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass es unmöglich ist, die Vielzahl von Informationen, mit denen wir im Netz konfrontiert werden, in einem vernünftigen Zeitrahmen selbst zu bewerten, zu prüfen und einzuordnen. Das ist sicher auch richtig.

Aber besteht die Lösung für dieses Problem wirklich darin, vermehrt andere – meist große Anbieter wie Google oder Facebook, aber auch kleinere Firmen, die derartige Dienstleistungen anbieten – diese Bewertung, Prüfung und Einordnung vornehmen zu lassen? Ich meine nein. Vielmehr schafft das neue Probleme.

Denn zum einen scheint dadurch die Fähigkeit, Informationen selbst zu bewerten und die Qualität der Quelle zu beurteilen, bei den meisten Usern noch weniger ausgeprägt als sie ohnehin zuvor schon war. Ich erlebe tagtäglich, welch ein Unsinn in sozialen Netzwerken völlig unhinterfragt geteilt wird, wenn man User nicht zuvor darauf hinweist, dass es Unsinn ist. Jede Information wird unkritisch übernommen und weiterverbreitet, vor allem dann, wenn sie ins eigene Weltbild passt.

Eine weitere, eng damit zusammenhängende Gefahr, die vom „curo cogitandum ergo sum“ ausgeht, liegt darin, dass wir den Institutionen, denen wir das Denken überlassen, damit die Möglichkeit geben, unser Weltbild, unser Denken und unser Handeln zu beeinflussen. Konzerne und andere Institutionen – welche dafür prädestiniert sind, kann sich dank Snowden sicherlich mittlerweile jeder denken – können so Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen und Politik machen. In diesem Lichte ist auch Facebooks Ansinnen, Satire als solche zu kennzeichnen, gefährlich. Denn Satire will uns dadurch, dass wir sie – hoffentlich – selbständig erkennen, gerade auf den Umstand aufmerksam machen, dass wir selbst denken müssen, wollen wir uns unser Weltbild nicht komplett von anderen oktroyieren lassen. Es passt ins Bild, dass Facebook uns auch diese Selbständigkeit nehmen will. Ist es da zu weit hergeholt, wenn ich den Verdacht hege, dass Facebook damit nicht unser Wohl im Sinne hat, sondern uns auch noch dieses Stückchen unseres eigenständigen Denkens nehmen will?

Zu guter Letzt nehmen wir uns mit dem „curo cogitandum ergo sum“ aber auch selbst wertvolle Erfahrungen. Indem wir uns alles von anderen vorkauen lassen, verlernen wir, die Welt mit eigenen Sinnen wahrzunehmen. Es geht ein Stück des Seins, des „sum“, verloren, wenn wir uns gar keine eigenen Gedanken um Dinge machen. Mancher mag das als bequem empfinden. Mir ist es nicht nur zuwider, mich langweilt es auch. Wenn ich beim denken lassen angekommen bin, bin ich nicht mehr. Weil ich nicht mehr ich bin. Ich möchte diesen Weg nicht gehen. Ich möchte weiter selbst denken und vor allem auch zweifeln dürfen an dem, was man man mir einzureden versucht. Und ich werde dafür einstehen, dass ich das auch zukünftig noch kann.

Aber kann das angesichts er Informationsflut überhaupt ohne externe Filter gehen? Ja, es geht. Dafür ist es natürlich nötig, eigene „Filter“ einzusetzen. Das Tolle ist, dass ein solcher Filter in unser kognitives System von vornherein eingebaut ist. Wir haben die Fähigkeit, Informationen zu kategorisieren und einzuordnen, aber auch aufgrund von Vorerfahrungen als irrelevant und unzuverlässig auszufiltern, zumindest teilweise von Geburt an mitbekommen und können sie durch Lernen auch noch ausbauen. Die Lösung des Problems kann also nur darin liegen, dass wir vermehrt wieder diesen fest in unseren Verstand eingebauten Filter verwenden, anstatt uns nur noch auf externe Filter zu verlassen.

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Warum die Forderung, Fußballvereine an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligen, die Demokratie gefährden könnte

Derzeit wird wieder einmal sehr kontrovers diskutiert, ob Fußballvereine sich an den Kosten für Polizeieinsätze rund um ihre Spiele beteiligen sollten. Das Land Bremen hat das bereits beschlossen. In Nordrhein-Westfalen will will der Innenminister die Präsenz der Polizei bei Fußballspielen deutlich reduzieren und teilweise auf sogenannte Risikospiele beschränken, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Krawallen zu rechnen ist. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) lehnt die Pläne ab.

Ohne Frage: In diesem Fall sind solche Überlegungen durchaus gerechtfertigt. Jedes Wochenende dutzende Fußballspiele polizeilich schützen zu lassen, kostet die Länder viel Geld, während die Fußballvereine zumindest in den höheren Ligen hohe Gewinne einstreichen, ohne sich an den Kosten, die sie der Allgemeinheit damit aufbürden, zu beteiligen. Ob das überhaupt möglich ist, gilt zwar als rechtlich umstritten. Aber es gibt auch Stimmen, die dem Ansinnen durchaus eine Chance einräumen. Schließlich sei es durchaus üblich, die Verursacher an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligen, so z. B. bei Gefahrentransporten.

Aber genau in dieser Chance liegt das Problem, das ich mit den Plänen habe. Wenn mit dieser Argumentation zukünftig Fußballvereine von vornherein für Polizeieinsätze aufkommen müssen, auch wenn es nicht zu konkreten Vorfällen kommt, dann ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zu der Überlegung, ob man nicht auch die Veranstalter von Demonstrationen von vornherein an den Kosten beteiligen sollte. Denn auch Demonstrationen verursachen, zumindest wenn sie größer werden, erhebliche Kosten für umfangreiche Polizeieinsätze. Veranstalter von Demonstrationen werden im Gegensatz zu kommerziellen Fußballvereinen, die Millionenumsätze machen, kaum in der Lage sein, sich auch nur ansatzweise an den Kosten für die Polizeieinsätze bei ihren Versammlungen zu beteiligen.

So nachvollziehbar also die Forderung der Länder ist, Fußballvereine an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligen, so wachsam müssen wir bleiben, damit solche Forderungen nicht zum Einfallstor werden, um das demokratische Instrument der Demonstration über finanzielle Forderungen an die Veranstalter erheblich zu beschneiden. Mag sein, dass ich mir hier unnötig Gedanken mache und so etwas rechtlich unmöglich ist. Aber wir wissen ja aus den Erfahrungen der letzten 10 bis 20 Jahre mit zahlreichen Regelungen, dass das grundsätzlich erst mal niemanden davon abhält, es zu versuchen.

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Lebenszeit

Ist euch das schon mal aufgefallen? Wir unterteilen unsere Lebenszeit fein säuberlich in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre, vielleicht auch noch in Jahrzehnte. Das Wiederkehrende an dieser Unterteilung führt sehr schnell zu dem Eindruck, wir könnten Lebenszeit wiederholen oder nachholen. Wenn ein Tag mal nicht so gut läuft, sagen wir uns – oder andere sagen uns – „Kopf hoch! Morgen ist ein neuer Tag!“. Wenn ein Wochenende vorbei ist, freuen wir uns manchmal schon auf das nächste, weil wir die Zeit, die uns an dem vergangenen Wochenende fehlte, um Dinge zu tun, die uns wichtig gewesen wären, nachholen wollen. Wenn ein neues Jahr beginnt, nehmen wir uns vor, noch einmal von vorne anzufangen, neuzustarten. Gute Vorsätze werden gefasst für die neue Lebenszeit.

Kurz: Wir tun so, als würde Lebenszeit wiederkehren. Als würde sie sich mit jedem Tag, der neu beginnt, jeder Woche, jedem Jahreswechsel erneuern.

In Wahrheit aber ist es anders. Der Lebenszeit wohnt nichts Wiederkehrendes inne. Lebenszeit, die verflogen ist, kann man nicht wiederholen und auch nicht nachholen. Jahre, die vergangen sind, ohne dass wir Dinge getan haben, die wir tun wollten, sind verloren. Sie kommen nicht wieder. Sicher, wir können manche Dinge auch zu einem späteren Zeitpunkt tun. Besser spät als nie. Aber dennoch müssen wir dann erkennen, dass wir Lebenszeit vergeudet haben. Dass sie eben nicht wiederkehrt. Und für manches ist es vielleicht irgendwann zu spät.

Klingt das bitter? Ja, ist es auch …

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