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wikileaks.de – viel Lärm um nichts!

Die “Affaire” um die angebliche “Sperre” der Domain wikileaks.de, die keine war, hat sich mittlerweile weitestgehend aufgeklärt. Der ehemalige Provider Beasts Associated der Domain war so freundlich, mir heute Nachmittag seine Stellungnahme zu dem Vorgang persönlich zuzusenden, wofür ich mich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich bedanken möchte. In der Stellungnahme, die ich in den wesentlichen Punkten zitiere, heißt es:

Auf Grund von nicht vertragsgemäßen Verhalten des Herrn Reppe wurde bereits Anfang Dezember 2008 der Vertrag fristgerecht und mit entsprechendem Vorlauf zum 30. März 2009 gekündigt.

Der Kündigung wurde nicht widersprochen und es ist keine Klage gegen die Kündigung anhängig.

In dem Kündigungsschreiben wurde ebenfalls darauf hingewiesen, was mit Domains, welche bis zum Kündigungsdatum nicht umgezogen wurden, passieren würde.

“Domains, welche bis zum 31.03.2009 nicht umgezogen sind, werden von uns an die Vergabestelle zurückgegeben oder entsprechend gekündigt.”

Die DENIC eG sieht in solch einem Fall den Transit vor. Die Domain wurde am Donnerstag den 09. April 2009 in den Abendstunden durch uns in die Verwaltung der DENIC eG übergeben (Transit). Zeitgleich wurden unsere Nameserver für diese Domain abgestellt.

Die Übergabe in den Transit war weder eine Folge der Hausdurchsuchung vom 24. März 2009 beim Domaininhaber der Domain, noch eine Anordnung einer deutschen Behörde oder eine willkürliche Zensur durch uns. Vielmehr ist die Nichterreichbarkeit das Versäumnis des Domaininhabers sich rechtzeitig einen neuen Provider zu suchen. Auch der genannte zeitliche Ablauf zeigt deutlich, daß es keinen Zusammenhang zwischen der Kündigung des Vertrages, die Rückgabe der Domain in den Transit und den Ereignissen der vergangenen Wochen gibt. Eine Anfrage seitens des Domaininhabers nach dem Grund des Transit der Domain liegt uns bis heute nicht vor. Ebenfalls die Unkenntnis des Domaininhabers ist für uns auf Grund des Hinweises in der Kündigung nicht nachvollziehbar.

Die komplette Stellungnahme als PDF

Jetzt ist also endgültig klar: Hier lag weder eine Zensur noch eine Sperrung vor, erst recht nicht von staatlicher Seite, sondern es handelt sich um einen ganz normalen Vorgang, der im Hostinggeschäft gang und gäbe ist. Wikileaks und viele renommierte Kämpfer für digitale Bürgerrechte haben also viel Lärm um nichts gemacht und der Sache sowie der eigenen Reputation mehr geschadet als genutzt. Man kann nur hoffen, daß die Beteiligten zukünftig etwas besonnener vorgehen werden. Denn wenn nun bei jedem Vorfall, der sich hinterher als völlig harmlos herausstellt, gleich von “Zensur” geredet wird, verliert die digitale Bürgerrechtsbewegung irgendwann jegliche Glaubwürdigkeit. Und das wäre fatal!

Update vom 14.4.: Mittlerweile hat mir der ehemalige Provider des Domaininhabers von wikileaks.de eine zweite Stellungnahme zukommen lassen, in der er einige Vorgänge noch näher ausführt, da Wikileaks inzwischen in einer eigenen Stellungnahme weitere Vorwürfe erhoben hat, etwa daß der Provider gegen Abmachungen verstoßen habe. Hier die wesentlichen Punkte der Stellungnahme der Beasts Associated:

Gerne reichen wir weitere Informationen zum Transit der Domain wikileaks.de und den aktuellen Behauptungen nach. Die durch uns ausgesprochene Kündigung gegenüber dem Vertragspartner wurde nicht gegenüber einer einzelnen Domain ausgesprochen, sondern bezog sich auf den geschlossenen Rahmenvertrag. Die Kündigung wurde via eMail, Fax und per Post an die uns bekannten Adressen versendet. Es gab keine Kontaktaufnahme mit uns seitens einer deutschen Behörde, welche uns eine Kündigung des Vertrages oder ähnliches nahelegten. Bis zu einer Anfrage bzgl. einer Stellungnahme am 11. April 2009 war uns die Existenz der Domain wikileaks.de bei uns im Domainbestand nicht bekannt, da Domainbestellungen automatisiert ablaufen.

Die auf der wikileak.org veröffentlichte Pressemitteilung vom 14. April 2009

http://wikileaks.org/wiki/Mehr_Details_zur_Wikileaks.de_Stilllegung

wundert uns ebenfalls insofern, daß die dort getroffene Behauptung, es gäbe eine Absprache mit der telefonischen Support-Hotline, nicht bewiesen werden kann. Im übrigen wäre diese Absprache entgegen des Inhalts der zugestellten Kündigung. Es ist verwunderlich, daß sich der Kunde eine solche Abweichung von der unbestrittenen Kündigung nicht hat schriftlich geben lassen. Bisherige und aktuelle Anfragen, auch bzgl. der Kündigung, erfolgten bisher schriftlich an das Ticketsystem.

Die von wikileaks.org veröffentlichte eMail stammte vom 14. November 2008, in der wir Herrn Reppe um Stellunnahme baten. Diese erfolgte jedoch nicht in einem ausreichendem Maß.

In einer eMail vom 25. November 2008 teilte uns Herr Reppe mit, daß ein Umzug der Domains durchgeführt werden würde, nachdem wir ihm gegenüber eine Kündigung in den kommenden Tagen durch uns angekündigt hatten. Die Kündigung erfolgte Anfang Dezember fristgerecht, um einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen.

Die bereits bezahlte Laufzeit der Domain wikileaks.de lief Mitte Januar aus, so daß ein zeitgerechter Umzug ohne Zusatzkosten zu diesem Zeitpunkt hätte passieren können. Dieses wurde jedoch durch den Domaininhaber versäumt. Die getätigte Aussage, die Domain sei bereits für ein weiteres Jahr im voraus bezahlt worden, entspricht nicht den Tatsachen.

Leider ist es uns momentan nicht möglich, ohne schriftliche Genehmigung des Kunden, den häufig angefragten exakten Kündigungsgrund mitzuteilen. Sollte uns eine schriftliche Einverständniserklärung seitens des Domaininhabers vorliegen, werden wir den genaueren Grund des “nicht vertragsgemäßen Verhalten” nachreichen und erläutern.
Wir weisen jedoch noch einmal ausdrücklich darauf hin, daß der Kündigung nicht widersprochen wurde und keine Klage gegen diese anhängig ist.

Die komplette Stellungnahme als PDF

Ich denke, der Domaininhaber täte gut daran, die Öffentlichkeit schnell über den Kündigungsgrund zu informieren, damit die unsäglichen Spekulationen, die immer noch durch’s Netz geistern, endlich aufhören, bevor noch mehr Schaden angerichtet wird!

Update vom 15.4.: Der Domaininhaber hat mittlerweile in einem Interview mit gulli.com Stellung dazu genommen und den Versuch, die Domain bnd.de auf sich zu transferieren, als Kündigungsgrund angegeben. Darüber hinaus stellt er einen wichtigen anderen Punkt klar:

gulli.com: Gibt es neben der Tatsache, dass versucht wurde, die Domain “BND.de” zu transferieren, Hinweise für eine Beteiligung staatlicher Stellen an den Vorfällen?

Theodor Reppe: Für mich sind keine Hinweise erkennbar.

gulli.com: Wieso wurde dies nicht von Anfang an deutlicher kommuniziert? Es kursierten ja teilweise sehr beunruhigende “Verschwörungstheorien”, die deine Wikileaks-Kollegen mit ihrer ersten Stellungnahme noch angeheizt haben. Wie kam es dazu? Gab es möglicherweise ein Kommunikationsproblem, oder wurde einfach überreagiert?

Theodor Reppe: Keiner wusste, was los war, also hat jeder erstmal wild drauf los spekuliert. Jetzt, wo wir wissen, dass es “nur” so eine “Kleinigkeit” ist, ist es wohl eine Überreaktion aller Beteiligten gewesen.

[...]

gulli.com: Ich verstehe. So haben wohl alle Beteiligten etwas dazugelernt. In diesem Sinne: Welche Folgen wird dieser Vorfall deiner Meinung nach haben und was kann die digitale Bürgerrechtsbewegung daraus lernen?

Theodor Reppe: Nicht hinter allem, was böse aussieht, steckt der Staat.

Im Klartext: Es gab keine Verschwörung, keine staatliche Zensur, es wurde nichts gesperrt! Lediglich in einigen – für die Öffentlichkeit völlig unwesentlichen – Details widersprechen sich die Darstellungen des Providers und des Domaininhabers noch. Solche Vorgänge und Meinungsverschiedenheiten zwischen Anbietern und Kunden gibt es im Hostinggeschäft ständig. Die “Szene” hat, wie Herr Reppe völlig richtig sagt, hier völlig überreagiert – und m. E. viel Schaden angerichtet. Daher bleibt am Ende wirklich nur festzustellen: viel Lärm um nichts Lärm, dessen Folgen für die Reputation der digitalen Bürgerrechtsbewegung aber noch nicht abzusehen ist. Ich hoffe inständig, daß sich der Schaden in Grenzen hält und daß der im Interview angesprochene Lerneffekt wirklich eintritt.

6 Kommentare zu “wikileaks.de – viel Lärm um nichts!”

  1. Stefan schreibt:

    Diesen Vorfall im Blick wird es auch fraglich, inwiefern man der Aussage Wikileaks bei einem Interview mit netzpolitik.org noch trauen kann, dass sie ziemlich sicher beurteilen können, welche Dokumente echt und welche gefälscht sind. Das wirft ein ganz anderes Licht auf das Projekt.

  2. Froschs Blog » Blog Archive » Was geschah mit wikileaks.de (3) schreibt:

    [...] zumindest für mich keine Fragen mehr offenläßt (zu lesen beispielsweise bei Alex Schestag unter wikileaks.de – Viel Lärm um nichts im [...]

  3. Alex schreibt:

    @Stefan richtig, aber das gilt nicht nur für Wikileaks. Auch andere haben hier in meinen Augen kräftig an Reputation eingebüßt.

  4. Stadler schreibt:

    Wieso sollte denn die Affaire durch eine bloße Pressemitteilung des ISP aufgeklärt sein? Glaubt jemand ernsthaft, der Provider würde ein Fehlverhalten einräumen, wenn es denn vorläge?
    Bislang haben wir zwei gegenläufige Aussagen, die niemand ohne weiteres verifizieren kann.
    Es ist auch gut möglich, dass keine der beiden Darstellungen so richtig zutreffend ist.

    Die hiesige Schlussfolgerung ist jedenfalls auch nicht stärker fundiert, als die gegenteiligen Ansichten.

  5. Alex schreibt:

    Es gibt in – m. E. relativ unwesentlichen – Details offene Fragen, aber im Großen und Ganzen ist die Providerschilderung für mich viel stimmiger. Aus Providersicht macht der vom Provider geschilderte Ablauf m. E. Sinn.

    Vergessen darf man bei der Einschätzung der Äußerungen m. E. auch nicht, daß Wikileaks von Anfang an Dinge behauptet hat, die augenblicklich widerlegt werden konnten. Die Behauptung, die Domain sei “von der DENIC ohne Vorwarnung gesperrt” worden, war so hanebüchen, daß sie jeglicher Diskussion unwürdig war. Ein Blick ins whois der Domain hat genügt, um das zu widerlegen. Schon ab dem Punkt hat Wikileaks für mich jede Menge Glaubwürdigkeit eingebüßt – und alle, die das unreflektiert widergekäut haben, gleich mit.

    Daher ist für mich klar, wem ich glaube, wenn mir eine Seite eine mit den Gepflogenheiten im Hostingbereich absolut konsistente Erklärung liefert, während die andere Seite von Anfang an Dinge behauptet hat, die in Anbetracht der in solchen Fällen üblichen Abläufe gar nicht sein können.

  6. Ursula von der Leyen befangen ? | Linux Datenschutz Politik schreibt:

    [...] wikileaks.de – viel Lärm um nichts! [...]

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